Der Braunschweiger Frank Schäfer beschreibt „Jagdszenen in Niedersachsen“ – Szene38
7. April 2019
Interview

Der Braunschweiger Frank Schäfer beschreibt „Jagdszenen in Niedersachsen“

Unterwegs in der niedersächsischen Metropolregion: „Ziemlich vielfältig und zum Glück auch halbwegs vielfarbig“

"Ehrlich gesagt, weiß ich das umso weniger, je länger ich hier lebe." Der Braunschweiger Autor Frank Schäfer räumt mit Vorurteilen auf. Fotos: Andreas Reiffer.

Er durchstreift die niedersächsische Metropolregion wie ein einsamer Wolf. Ihn zieht es von Hannover nach Wolfsburg, von Göttingen nach Bargfeld, um in Braunschweig eine Heimstatt zu finden. Er besucht fast vergessene Stätten der Ausgehkultur, erlebt die legendären Derbys zwischen Eintracht Braunschweig und den anderen, aber auch die brutale Schönheit der dritten Kreisklasse. Er ist live dabei, als Ex-Landesvater Gerhard Schröder sich von seiner Super-Hillu trennt und die Hard-Rock-Kanoniere AC/DC das Expo-Gelände erleuchten. Frank Schäfer schaut genau hin und dem Volk aufs Maul. In seinem neuen Buch „Jagdszenen in Niedersachsen“ (Verlag Andreas Reiffer, 192 Seiten, Hardcover, 17,90 Euro) versammelt der Braunschweiger Schriftsteller viele wahre Geschichten und eine tröstende Erkenntnis: Niedersachsen, du hast es besser! Wir sprachen mit ihm. 

Frank, was hat es mit dem Titel deines neuen Buchs auf sich?

Martin Sperr hat vor vielen Jahrzehnten mal ein ziemlich düsteres, Dorf und Provinz zur Ader lassendes Theaterstück mit dem Titel „Jagdszenen aus Niederbayern“ geschrieben. Die älteren kennen das vielleicht noch. Mein Titel ist so ein ironischer, aber auch nicht nur ironischer Bezug darauf. Die bigotte, komplett vernagelte Provinz von damals gibt es ja heute gar nicht mehr, allenfalls in Niederbayern, aber auch hier im Plattland gibt es natürlich Menschen, über die man den Kopf schüttelt. Die beschreibe ich dann auch, weniger bösartig, eher mit einem menschenfreundlichen Lächeln. In der Hoffnung, dass sie zurücklächeln.

Wie würdest du Niedersachsen im Jahr 2019 beschreiben?

Als ziemlich vielfältig und zum Glück auch halbwegs vielfarbig, mittlerweile. Im Jahrgang meines Sohnes sind Deutsche, deren Eltern oder Großeltern aus einer Handvoll europäischer und nichteuropäischer Staaten eingewandert sind. Wenn ich von den Rechten mal wieder diesen Quatsch höre, Multikulti wäre gescheitert, dann möchte ich die nur einen Tag mal an die IGS Wilhelm Bracke schicken. Das ist dort nämlich gelebter, funktionierender Alltag. Man macht da keinen Bohei drum, weil es die Normalität ist. Das gefällt mir sehr. Wenn ich da eine Schulveranstaltung besuche, dann weiß ich, dass die Ewgiggestrigen, AFD, Bragida und deren glatzentragende Helferlein nur verlieren können. Auch das ist für mich Niedersachsen 2019.

Was macht uns Niedersachsen aus – positiv, wie negativ?

Ehrlich gesagt, weiß ich das umso weniger, je länger ich hier lebe. Ein paar Freunde von mir sind zugereist, und die wissen immer ganz genau, wie die Menschen hier ticken. Unfreundlich sind sie, unkommunikativ, schollenverbunden usw. Ich sage da nichts zu. Wer sich die Welt so schön in Vorurteilen eingerichtet hat, den will man doch nicht verunsichern. Aber zu jedem dieser vermeintlichen Kollektivcharaktermerkmale fallen mir immer ein paar Gegenbeispiele ein, Menschen die irgendwie ganz anders sind.

Welche Klischees über Niedersachsen möchtest du nicht mehr hören und lesen?

Man findet hier so schlecht Anschluss! Eine Freundin aus Süddeutschland sagt das gern, und wenn man sie dann ein paar Wochen oder auch mal Monate nicht gesehen hat, ist da wieder ein anderer Mann an ihrer Seite. Läuft bei ihr, trotz aller Zurückhaltung des hiesigen Menschenschlags. Ich war übrigens neulich in Lissabon und hab mich sofort wohlgefühlt. Eine Lehrerin, die auf einer deutschen Schule unterrichtet und fast zehn Jahre dort gelebt hat, erzählte mir, man würde mit den Einheimischen nicht warm werden. Ah, dachte ich mir gleich, Lissabon ist das Braunschweig Portugals, nur sture, maulfaule Bauern da. Für mich war das also wie nach Hause kommen.

Die tröstende Erkenntnis deines Buchs lautet: „Niedersachsen, du hast es besser!“. Warum?

Ach, ich wollte das mal schreiben. Das ist ja so ein alter Goethe-Spruch, der meinte damals allerdings Amerika. Mir fällt aber immer wieder etwas auf, das passt ganz gut hierher. Neubürger lästern ja immer erstmal ein bisschen in der Zeit der Akkulturation, und man ist dann als Eingeborener herausgefordert, ein gutes Wort einzulegen für Land und Leute. Aber irgendwann passiert es, dass ein noch neuerer Neubürger hinzukommt und erstmal kräftig loswettert, und plötzlich springt der ältere Neubürger in die Bresche und findet doch die eine oder andere Nudel in der Suppe. Man muss gar nichts mehr tun, man kann sich ganz entspannt zurücklehnen. Ich glaube, Niedersachsen schafft einen. Über kurz oder lang werden sie alle eingemeindet. Mitunter kann es schon mal zehn Jahre dauern, manchmal noch länger, aber irgendwann passiert es.

Du berichtest viel vom Freud und Leid des Landlebens. Wie hat dich dieses geprägt?

Ungemein. Man denke nur an die zentrale Erfahrung des Dorfbewohners: Man kann sich seine Freunde nicht ausuchen. Man muss nehmen, was gerade da ist. Das macht ja was mit einem. Man wird konziliant, nachgiebig, lernt mit den Schwächen der anderen zu leben. Ich glaube, habituell war Jesus ein niedersächsischer Dörfler.

Wie hat sich das Landleben in den vergangenen Jahren, auch durch den Zuzug von Städtern, in unserer Region verändert?

Genau kann ich das gar nicht sagen, aber ich kann ein Beispiel geben. Vor vierzig Jahren ist ein guter Typ aus Berlin in mein altes Heimatdorf gezogen. Man mochte ihn dort gleich. Er hat so ein Flair von Weltläufigkeit und Kosmopolitismus mitgebracht, das merkt man bis heute. Auch daran, dass man ihn immer noch mit dem Ehrentitel belegt, wenn man über ihn spricht: „der Berliner“! Das ist so wie bei Ron Wood und den Rolling Stones, der ist auch immer noch „der Neue“.

Im Buch sind viele trostlose Bushaltestellen-Häuschen abgebildet. Du huldigst der „Bushaltestelle“ mit einem schönen, melancholischen und abschließenden Gedicht. Was bedeutet dir dieser besondere (Aufbruchs-)Ort?

In der Bushaltestelle findet man die ganze Wehmut und Tristesse des Landlebens symbolisch verdichtet. Die Fotos muss man ja nicht kommentieren, die sagen alles. Und zugleich trifft sich ausgerechnet hier die Jugend und schwärmt von einer sagenhaften Zukunft. Es ist also auch ein Ort der Hoffnung und ein Ort emotionaler Höhenflüge, Sixpack und Sportzigaretten spielen dabei wohl auch eine Rolle, habe ich mir sagen lassen. Ich werde immer auf eine gar nicht mal unangenehme Weise nostalgisch, wenn ich diese bejammernswerten Bushütten sehe.

Die Freuden der Bierkonsums und Heavy-Metal-Hörens thematisierst du gleich mehrfach. Warum?

Metal ist ja bekanntlich die Volksmusik Niedersachsen, deshalb musste ich ihm natürlich ausreichend Platz im Buch einräumen. Und Bier? Ist der soziale Treibstoff überhaupt. Dieses Getränk hat mehr getan für das Seelenheil der Menschen als alle Psychotherapeuten zusammen. Ein großer Niedersachse, der Satiriker und Aporistiker Lichtenberg, hat im späten 18. Jahrhundert eine kleine Rauschlehre skizziert, ich stelle sie im Buch ausführlich vor. Er singt da das hohe Lied vom wohltätigen Rausch, der etwas völlig anderes ist als der dumpfe Suff. Der Rausch, den Lichtenberg meint, und ich schließe mich ihm da gern an, öffnet die emotionalen Schleusen, löst die Wortbremse, macht nicht müde, sondern wach und scharf auf die nächste Pointe. Mit Bier funktioniert das ganz gut. Das ideale Getränk für den Prosaschreiber.

Du echauffierst dich zu recht in der Nachbemerkung über einen Freund, der deine Geschichten als „Kleinigkeiten“ abgetan hat. Wie würdest du diese beschreiben und was sollen sie beim Leser auslösen?

Es sind schon Kleinigkeiten, aber was sagt das schon? Doch nur etwas über die Textmenge. Der französische Philosoph Roland Barthes hat mal geschrieben, die kleine Form sei eine Gattung wie jede andere und nicht zwangsläufig etwas Minderwertiges. Genauso ist es übrigens mit dem Komischen. Wer das Kleine und Komische von vornherein geringschätzt, dem entgeht so einiges. Aber so ist das nun mal: Der Langeweiler langweilt sich immer zuerst.

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