Das Fest der Liebe an der Oker – Szene38
29. November 2019
Interview

Das Fest der Liebe an der Oker

Till Burgwächter und Hardy Krüger im Interview zu ihrem Buch „Braunschweig’sche Weihnacht“

Experten für die „Braunschweig'sche Weihnacht“: Die Autoren Till Burgwächter und Hardy Crueger. Foto: Verlag Andreas Reiffer

Weihnachtszeit – Lesezeit. Wir hätten da mal einen Buchtipp für euch – und zwar einen regionalen. Die Autoren Till Burgwächter und Hardy Krüger erzählen in ihrem Buch „Braunschweig’sche Weihnacht“ 24 kurzweilige Episoden über die vielfältigen Möglichkeiten das Weihnachtsfest in der Löwenstadt zu zelebrieren. Am 3. Dezember lesen sie daraus in der Buchhandlung Graf. Was sonst noch alles im Buch drin ist verrieten uns die beiden gut gelaunt im szene38-Interview.

Till, Hardy: Autor und Dramaturg Peter Schanz bezeichnet euch im Vorwort eures Buchs als „apokryphe Evangelisten“. Was meint er damit?

Hardy: Wahrscheinlich, weil sich meine Geschichten nicht auf die biblischen Ursprünge des Weihnachtsfestes beziehen. Das heißt, meine Geschichten haben nichts mit Religion zu tun, außer dass die christlich geprägten Menschen an diesen Tagen zusammen feiern.

Till: Wir sind unbelehrbare Freunde des Weihnachtsfestes, unsere Geschichten beziehen sich aber bis auf wenige Ausnahmen weniger auf den religiösen Charakter des Festes. Es geht eher um Zimtsterne mit Mumme, Klimakatastrophen, begehbare Adventskalender und so.

Weiterhin behauptet der beliebte Theaterautor und Braunschweig-Kenner ihr beide „gewährt den Ausgestoßenen, Geschundenen und Abgehängten einen wärmenden Hauch von Weihnachtsliebe“…

Hardy: Ja, das tun wir. Und wie! Besser kann man das gar nicht ausdrücken.

Till: Peter Schanz sollte unsere Werbetexte schreiben. Denn er liegt vollkommen richtig.

Würden Sie sich von diesen beiden Weihnachtswichteln beschenken lassen? Na klar! In ihrem Buch versammelt das Duo besinnliche, ergreifende und skurrile Geschichten und Glossen zum Fest der Liebe. Foto: Verlag Andreas Reiffer

Alle Jahre wieder kommen neue Weihnachtsbücher auf den Markt. Warum sollte man eures lesen?

Hardy: Ich denke mal 99,9% der Bücher haben 1. nichts mit Braunschweig zu tun, erzählen 2. zumeist schöne und besinnliche Geschichten ohne Spannung und am heutigen Leben vorbei.

Till: Weil wir die Weihnachtsgeschichte in unseren Storys komplett umschreiben und auch noch ins schöne Braunschweig verlegen. Das ist doch mal was.

Gleich eure erste Kurzgeschichte ist „Weihnachten in Braunschweig“ betitelt und kreist um Buden, Shopping, Kinderchöre und die Flucht in alkoholische Getränke. Ist Weihnachten in der „Wichtelstadt Braunschweig“ wirklich so schlimm?

Hardy: Die hat Till geschrieben … Ich finde Weihnachten in Braunschweig toll! Vor vielen Jahren war ich mal zur Weihnachtszeit auf einer Fernreise. Das war schlimm. Die staubigen Plastik-Weihnachtsbäumchen in Kambodscha waren lieb gemeint, sicher, aber sie strahlten einfach nicht diese Würde, dieses heimelig-lauschige aus wie ihre Brüder zuhause in Braunschweig.

Till: Ich möchte nirgendwo anders Weihnachten feiern als in Braunschweig. Wer weiß, ob andere Städte auch so tolle Buden haben. Das bedeutet aber nicht, dass man den einen oder anderen Auswuchs mit einem ironischen Lächeln im Gesicht aufzeigen darf.

Vom 27. November bis zum 29. Dezember 2019 läutet der Braunschweiger Weihnachtsmarkt rund um den Dom die schönste Zeit des Jahres ein. Ein Thema, das auch im Buch leidenschaftlich reflektiert wird. Foto: Braunschweig Stadtmarketing GmbH

„Der Besuch des Braunschweiger Weihnachtsmarktes kann nicht häufig genug erwähnt werden…“, schreibt ihr. Warum denn?

Hardy: Schrieb Till und recht hat er. Unser Weihnachtsmarkt hat nicht nur eine lange Tradition, die von Till in dem Buch beschrieben wird, sondern auch eines der schönsten Ambiente in der Region. Für mich ist er ein zentrales Ereignis in der Vorweihnachtszeit. Also, ohne Weihnachtsmarkt wären die Wochen vorher so wie … wie die Zeit in Kambodscha.

Till: Weil hier mehr Weihnachtsatmosphäre herrscht als im Weihnachtsdorf selbst. Das ist zumindest mein Empfinden. Nicht umsonst speien Reihen voller Reisebusse ihre Fracht in der Innenstadt aus, damit diese dann die ganze Pracht bewundert und ihr Weihnachtsgeld dort lässt.

Was ist eure schönste Anekdote, die euch dort passiert ist?

Hardy: Die eine gibt es für mich nicht. In jedem Jahr passiert dort etwas und sei es nur die überwiegende Freundlichkeit der Menschen zueinander. An manchen Tagen stehen und schieben sich dort sicher vier oder fünf Menschen pro Quadratmeter und es gibt keine Toten oder Verletzten. Das finde ich schön. Und außerdem kann man sozusagen hautnah erleben, wo eben sowohl dieses Wort als auch das Wort „Tuchfühlung“ herkommt.

Till: Ich wurde mal mit dem Weihnachtsmann verwechselt. Vielleicht sollte ich meinen Bart so langsam doch mal färben.

Eine weitere Kurzgeschichte feiert „Weihnachten‘69“. Wie war das analoge damals im Vergleich zum digitalen heute? War früher manches besser?

Hardy: Hihi, das kann ich nicht sagen, weil ich damals ein Kind war und da war Weihnachten grandios. Ich weiß nicht, wie in den Familien mit Kindern heute gefeiert wird, aber ich denke mal, dass sich da, bis auf die Pro-Kopf-Ausgaben für Geschenke, eigentlich nicht sooo viel geändert hat.

Till: 1969 war ich ja nicht mal Weihnachtsquark im Schaufenster, aber soo analog ging es auch in den siebziger und frühen achtziger Jahren nicht zu. Ich erinnere mich an einen nagelneuen C64. Mann, das war ein Fest.

Was verbindet ihr mit dem Weihnachtsmann?

Hardy: Ich nur die Kindheitserlebnisse, wie ich sie in der oben genannten Geschichte „Weihnachten‘69“ beschrieben habe. Ich wusste von Anfang an, dass er ein Fake ist.

Till: Ein Arbeitskollege meines Vaters musste mal einen für mich und meinen kleinen Bruder spielen, als wir gerade so sprechen konnten. Besagter Kollege war aber fast zwei Meter groß, unglaublich breit und hatte dermaßen prägnante Gesichtszüge, dass ich ihn sofort erkannte. Mein Bruder heulte, weil ein roter Hulk bei uns im Kinderzimmer stand, ich musste lachen.

Auch Weihnachtsbäume spielen in eurem Buch eine wichtige Rolle. Wie ist euer Verhältnis  zu diesen besonderen Tannen?

Hardy: Gut, siehe oben. Außerdem finde ich sie in unserer an positiven Ritualen und Symbolen immer ärmer werdende Zeit wichtig. Muss man sich mal überlegen … welche anderen Ethnien stellen sich für ein paar Tage einen Baum in die Wohnung, den sie auch noch mit Glitzerkram behängen? Würde ein Wesen aus einer fernen Galaxie bei seinen Forschungen dieses Phänomen beschreiben, würde er wahrscheinlich glauben, wir verehren mit diesem Kult einen Naturgeist.

Till: Ich liebe den Geruch, ich liebe echte Kerzen (rot), und ich liebe es, wenn jemand anderes die Nadeln und die Wachsreste wegmacht.

Was habt ihr gegen Adventskalender?

Hardy: Was??? Ich überhaupt nichts! Ich liebe Adventskalender! Und Till auch – wenn es einen Heavy-Metal-Bier-Zigaretten-Köfte-Kalender gäbe. Da wette ich drauf.

Till: Überhaupt nichts, der ist Pflicht. Ohne Kalender kein Weihnachten. Die von Hardy vorgeschlagene Variante würde mich allerdings besonders interessieren.

Wer noch Geschenke benötigt, findet zum Beispiel Kunsthandwerke und Dekozeugs auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt. Oder man schenkt, wie Hardy Krüger, einfach gar nichts und spendet. Foto: Braunschweig Stadtmarketing GmbH/Philipp Ziebart

Geschenke gehören zum Fest dazu. Wie steht ihr zum alljährlichen Konsumrausch zum Fest der Liebe?

Hardy: Gerade in Zeiten des klimatischen Umbruchs sollte man sich überlegen, ob das immer alles so übertrieben sein muss. In meiner Familie schenken wir uns schon lange nichts mehr zu Weihnachten, da wird gespendet, an Terre des Femmes zum Beispiel.

Till: Ach, na ja. Man muss ja nicht gleich sein Haus verpfänden. Aber das Stöbern nach kleinen und besonderen Aufmerksamkeiten macht schon Spaß. Außerdem will ich ja auch was bekommen.

Auch Schrottwichteln ist an Weihnachten und bei euch ein Thema. Wie steht ihr zu diesem speziellen Spiel? Was waren die schlimmsten Dinge ihr mal „erwichtelt“ habt?

Hardy: Super Sache. Nicht wegschmeißen – weiter verschenken. Ein Eierschalensollbruchstellenverursacher war schon ein ziemliches Highlight.

Till: Ein großartiges Spiel, man wird Dinge los, die nicht mal jemand bei Ebay ersteigern will. Ich habe mal ein Gummischwein „erwichtelt“, das fürchterliche Grunzlaute von sich gibt, wenn man ihm auf den Bauch drückt. Es heißt Eberhard und lebt bei mir im Wohnzimmer.

Was darf für euch an Weihnachten nicht fehlen und auf was würdet ihr gerne verzichten?

Hardy:  Der Weihnachtsmarkt, -baum, und -mann, Glühwein, Poffertjes, die Schwedenschale, das Mummebrötchen und Kekse backen. Das Familientreffen, „Herr der Ringe“-Gucken und die Weihnachtsmusik. Verzichten kann ich auf Leute, die einem das alles madig machen wollen.

Unverzichtbar sind Familie, Gänsebraten, die richtige Stimmung und vielleicht noch ein Nachschlag vom Gänsebraten. Verzichten kann ich auf die immer kitschiger werdende Weihnachtswerbung in den Medien und das immer schlechter werdende TV-Programm zu den Festtagen. „Silas“, „Jack Holborn“, „Patrick Pacard“, ja von mir aus sogar noch „Anna“. Das waren amtliche Weihnachtsserien.

Was wünscht ihr euch dieses Jahr zu Weihnachten?

Hardy: Eigentlich Frieden auf der ganzen Welt. Da dieser Wunsch aber auf unabsehbare Zeit vergeblich ist, wäre ich auch schon mit mehr Liebe und Toleranz zufrieden.

Till: Bartfärbemittel, eine vernünftige Weihnachtsserie und ein bisschen Ruhe.

„Braunschweig’sche Weihnacht“ Lesungen mit Hardy Crueger und Till Burgwächter

3.12.2019, Buchhandlung Graff, Braunschweig

05.12.2019, Ortsbücherei Wenden, Braunschweig

10.12.2019, Buchhandlung Behr, Wolfenbüttel

12.12.2019, Ortsbücherei Lehndorf, Braunschweig

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