„Bring back the punch!“ – Szene38
9. Juli 2020
Interview

„Bring back the punch!“

Fuzziebär, Band aus Braunschweig und Hannover, macht heftigen Stoner-Rock-Krach mit deutschen Texten – und hat ihr neues Album „Grober Unfug“ veröffentlicht – ein Interview

Rau und schroff trifft flauschig und weich: Fuzziebär wollen ein akustisches und physisches Erlebnis sein. Foto: Privat

Eine der coolsten und krachigsten Bands der Region sind Fuzziebär. Das Trio hat seine musikalische Seele seit längerem an den Stonerrock verkauft. Szene38 unterhielt sich mit Bassist Lennart über das neue Werk „Grober Unfug“. Die Themen darauf reichen von Alkoholismus im Alltag bis hin zur Lächerlichkeit des modernen Lebens.

Lennart, wer oder was ist Fuzziebär 2020?

Wir drei sind in der Besetzung der Instrumente ein klassisches Duo, nur eben zu viert. Gitarre, Bass und Schlagzeug. Wir machen seit acht Jahren heftigen Stoner-Krach mit deutschen Texten. Wir haben unsere Wurzeln in Braunschweig und Hannover. Wahrscheinlich sind wir die letzte Instanz der Freundschaft, die Niedersachsen vor einem Bürgerkrieg zwischen diesen beiden Städten bewahrt. Seit unseren Anfängen sind wir vielleicht etwas ernster geworden. Den tödlichsten Witz der Welt geschrieben zu haben, war für uns alle ein einschneidendes Erlebnis. Ich wache immer noch jede Nacht lachend auf.

Warum habt ihr eure musikalische Seele an diesen dreckig-rauen Fuzz-, Stoner-, Doom- und Psychedelic-Rock verkauft?

Unser Credo war von Anfang an: „Bring back the punch!“. Unser Sound soll den Leuten vor der Bühne die Haare nach hinten blasen, außerdem hört man bei dem Lärm dann unsere Fehler nicht mehr. Für uns hat dieser Sound genau die Energie, die uns beim Spielen Spaß macht. Es geht dabei gar nicht darum, dass es besonders laut ist, sondern vielmehr soll die Musik nicht nur ein akustisches, sondern auch ein physisches Erlebnis sein. Wenn der ganze Laden bebt und dir der Bass den Magen massiert, dann weiß dein Körper genau was Sache ist.

Fuzziebär live: Wenn der ganze Laden bebt und dir der Bass den Magen massiert, dann weiß dein Körper genau was Sache ist… Foto: Marie Fisher Photography

Was ist das besondere an eurem neuen Album?

„Grober Unfug“ ist unser zweites Album, aber es fühlt sich ein wenig wie ein zweites Debüt an. Als wir vor fünf Jahren „Lach- und Krachgeschichten“ veröffentlicht hatten, kannte uns praktisch niemand. Diesmal gab es eine gewisse Erwartungshaltung. Sowohl von uns selbst, aber bestimmt auch von außen. Außerdem ist es das erste Album mit unserem Drummer Michi, mit dem wir jetzt seit fast vier Jahren vollständig sind.

Von wem oder was habt ihr euch für „Grober Unfug“ inspirieren lassen?

Eigentlich haben wir versucht unser eigenes Ding zu machen. Wir nehmen die Songs ohne Metronom und alle Instrumente gleichzeitig auf. Auch versuchen wir die Songs an einem Stück einzuspielen und nicht hinterher einzelne Parts aneinander zu schneiden. Der Aufnahmeprozess ist also sehr frei bei uns. Wer Stonerrock hört, kennt natürlich die bekannten Bands der Szene. Es wäre Quatsch zu behaupten, diese hätten keinen Einfluss auf uns und unser Soundverständnis gehabt. Aber am Ende versuchen wir immer alles so zu machen, wie wir es für richtig halten und wie es uns Spaß macht.

Was sollte das Werk beim Hörer auslösen?

Lust zu tanzen und zu lachen und das Bedürfnis die Möbel aus dem Fenster zu werfen!

Die Songs heißen „Beratungsrenitent“, „Eskalation“, „Benzin“, „Bausparvertrag“ oder „Büro“. Das könnten eigentlich auch Titel von Deutsch-Punk-Songs sein. Um was geht es in den Texten?

Ich glaube, wir sind gar nicht so weit weg von Punk. Beim Schreiben der Texte ist uns einfach wichtig, über Dinge zu sprechen, zu denen man einen direkten Bezug hat. Das fängt schon bei der Sprache an. Auf Englisch zu singen hatte sich nie richtig angefühlt, weil es im Grunde nichts mit einem selbst zu tun hat. Auch hebt sich eine deutschsprachige Stonerrock-Band schon etwas vom Einheitsbrei in der Szene ab. Inhaltlich setzten wir uns kritisch mit unserer Gesellschaft auseinander, aber auch mit dem eigenen Verhalten. Oft geht es in den Texten um recht profane Dinge. Die Themen reichen von Alkoholismus im Alltag, über die eigene Jugend auf dem Land, bis hin zu der beschissenen, immer gleich klingenden Popmusik in deiner wöchentlichen Playlist. Ein bisschen Witz und Ironie darf am Ende aber auch nicht fehlen. Nichts ist schlimmer, als sich und das was man sagt, total ernst zu nehmen bei all der Lächerlichkeit, die das moderne Leben einem bereithält.

Was sind deine Lieblingssongs und warum?

Die Lieblingssongs rotieren. Oft sind die Songs, die einem auf dem Album gefallen, auch nicht dieselben, die man besonders gerne live spielt. Aber wenn wir uns auf einen Favoriten festlegen müssen, würde ich „Neongelb“ sagen. Der Song ist ein Slowburner und wird besser, je öfter man ihn hört. Auch mag ich den Text sehr gerne.

Was hat es mit dem Album-Artwork im rosa Flokati-Style auf sich? Das Ganze erinnert an das Cover des legendären Debütalbums von Garbage…

Oh ja, du hast recht! Die Farbe passt ja fast genau. Nur hat der Fuzziebär Fell statt Federn. Das Cover von „Garbage“ hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Das grelle Pink sagt einfach: „Hallo, hier bin ich! Guck mich an!“ Auch fand ich die Gegensätzlichkeit vom Albumtitel, also das Raue und Schroffe in der Bezeichnung „Grober Unfug“ in Verbindung mit dem flauschigen und weichen Fell toll.

Was sind eure kurz- und langfristigen Ziele mit Fuzziebär?

Wir haben mit dem neuen Album etwas an Fahrt aufgenommen und wollen diese Energie nutzen. Diesmal soll es nicht fünf Jahre bis zur neuen Platte dauern. Die ersten Songs sind schon in der Mache. Auch gab es schon erste Gespräche mit einem Tonstudio für die Aufnahmen. Mittelfristig würden wir uns freuen, wenn wir mit einem kleinen Label die nächsten Schritte gemeinsam gehen könnten. Bislang machen wir alles komplett DIY, aber wir haben Hunger auf mehr und würden unsere Musik gerne einer größeren Hörerschaft zeigen.

Wann kann man euch mal wieder live erleben?

Konkret bestätigt ist zur Zeit ein Nachholtermin zu einem Konzert, das im März hätte stattfinden sollen. Der neue Termin ist nun der 7. Dezember 2020. Wenn alles gut geht, spielen wir da zusammen mit der polnischen Stoner Doom Band Dopelord im Bei Chez Heinz in Hannover. Bis dahin kann man uns leider nur auf dem Musikstreaming-Dienst deines Vertrauens erleben.

Wie lautet eure aktuelle Album-Top-5?

Drei Leute, sechs Meinungen. Ich glaube da gibt jeder von uns mal seine eigene aktuelle Top-5 ab:

Ingo:

  • DJ Notoya – Tokyo 1980s Victor Edition (The Compilation)
  • Khruangbin – Con Todo El Mundo
  • The Guess Who – Canned Wheat
  • The Dillinger Escape Plan – One of Us Is the Killer
  • Idles – Joy as an Act of Resistance

Michi:

  • Scratch Acid– s.t.
  • The Jesus Lizard – GOAT
  • Big Business – Here Come The Waterworks
  • Hella – There’s no 666 in outer space
  • The Locust – New Erections

Lennart:

  • Netherlands – Zombie Techno
  • Run The Jewels – RTJ4
  • DJ Shadow – Our Pathetic Age
  • Crypt Trip – Rootstock
  • Whores. – Clean

 

 

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