Der Braunschweiger Autor Frank Schäfer im Interview – Szene38
25. Februar 2019
Interview

Der Braunschweiger Autor Frank Schäfer im Interview

Verzerrte Riffs, Massivität und körperlich spürbarer Druck: Schäfer über die Faszination von Heavy Metal.

Für Frank Schäfer bedeutet Heavy Metal nicht nur ein wohliges Gefühl zwischen den beiden Schulterblättern, sondern schafft auch ein Stück Ordnung in der Unordnung. Foto: Moritz Thau.

Der Braunschweiger Frank Schäfer ist einer der produktivsten und pointiertesten Schriftsteller, Musik- und Literaturkritiker der Region. Der 52-Jährige schreibt für verschiedene Magazine wie dem Rolling Stone, Zeitungen wie der Taz, dazu Romane, Erzählungen und Sachbücher. Zudem hat er als Heavy-Metal-Experte diverse Bücher zum Thema veröffentlicht. Mit „Hear `Em all“ legt und lädt er nun nach: Herausgekommen ist eine Anthologie mit vielen Meisterwerken der Metal-Gattungsgeschichte. Eine exemplarische, ja, wenn nicht sogar paradigmatische Plattensammlung, zusammengetragen von verrückten Fans, hochinteressierten Laien und komplett einseitig gebildeten Weirdos. Achtzig Fachleute haben dafür ihre Sammlung durchforstet und persönliche Favoriten herausgesucht, die sie narrativ oder analytisch, sportlich oder elegant, kritisch, abwägend oder auch emotional völlig verblendet vorstellen. Wir sprachen mit Frank Schäfer, der am 1. März 2019 im Universum Filmtheater aus dem Buch liest.

Frank, du giltst als ausgewiesener und langjähriger Heavy-Metal-Fan und -Experte. Was war dein Erweckungserlebnis mit dieser Musikrichtung?

„Ein ganz spezielles Vergnügen, soviel kann ich sagen, waren die besonders guten Texte zu Platten, die ich absolut nicht mag. Das hat schon was.“ Foto: Moritz Thau.

Danke, aber im Metal gibt es ja eigentlich nur ausgewiesene Kenner. Elende kleine Besserwisser überall, man muss verdammt aufpassen, was man schreibt. Die Plattensammlung meines großen Bruders war so ein Eldorado für mich. Der hatte alles Kiss, Black Sabbath, Led Zeppelin, Sweet, Nazareth und vor allem Thin Lizzys „Live and Dangerous“. Und auf einmal gab es junge Bands, meine Entdeckungen, und die waren alle härter: Accept, Motörhead, Iron Maiden. Ich konnte also gegen ihn anstinken, und tat das dann auch.

Was fasziniert dich gerade an diesem Sound?

Verzerrte Riffs. Ich war ja selber auch bald Gitarrist in einer Band und immer angetan von dieser Massivität, diesem körperlich spürbaren Druck, wenn zwei Mann synchron ein Riff schrubben. Über voll aufgedrehte Marshalls, versteht sich. Das löst bis heute Euphorie bei mir aus. Ich könnte jetzt küchenpsychologisch werden und vermuten, dass ich als Modernisierungsangekränkelter aus der unübersichtlichen Realität in etwas flüchte, das feste Strukturen hat, die noch dazu von den Musikern absolut beherrscht werden. Technisches Können gehört ja unbedingt zum Metal. Die Musik schafft also ein Stück Ordnung in der Unordnung, gibt mir Sicherheit etc. Man kann sich das so hin rationalisieren und ist doch kein Stück näher dran an diesem wohligen Gefühl zwischen den beiden Schulterblättern, das sich bei mir vor allem dann einstellt, wenn das Riff erst mal rund läuft.

Warum bist du Hardrock und Heavy Metal bis heute treu geblieben?

Die Faszination hat sich bei mir nicht abgenutzt. Zumal das Genre unglaublich vielfältig, ständig in Bewegung ist und auch weiterhin seine Grenzen verschiebt. Dieser ganz alte Vorwurf, „klingt doch alles gleich, irgendwie so AC/DC-mäßig“, das waren ja schon immer die größten Topchecker, die solche Weisheiten von sich gegeben haben. Am besten nicht mal ignorieren!

Heavy-Metal-Bücher gibt es wie Haare auf dem Kopf eines langhaarigen Teenagers. Warum hast du noch eines herausgeben? Warum sollte man „Hear ’em All“ lesen?

Gute Autoren schreiben über Metal-Alben, die ihnen viel bedeuten, das reicht eigentlich schon als Grund. Die brennen alle für ihr Thema, sind inspiriert, haben was erlebt mit ihrem Album. Ein Vorteil ist auch die Vielzahl der Perspektiven. So ein Projekt funktioniert ja nur, wenn man das auf viele Schultern verteilt, sonst bekommt man diese alle Subgenres abdeckende Streubreite gar nicht mehr hin. Erstmals haben auch viele Frauen mitgeschrieben, das freut mich am meisten, wir sind noch nicht bei fifty-fifty, aber auch da tut sich was.

Welche der beschriebenen Alben haben dich als Metal-Experten am meisten überrascht, begeistert oder verstört?

Vor allem habe ich viel gelernt dabei. Ich habe jedes beschriebene Album mindestens noch einmal gehört, einige tatsächlich zum ersten Mal, Wolf Eyes zum Beispiel, Vocifera, The Body, Russian Circles, ziemlich krankes Zeug mitunter, einige kannte ich dem Namen nach, aber meine Borniertheit hat sie halt abgetan als B-Ware. Von den Schreibern einleuchtend erklärt zu bekommen, was sie an diesem Album so klasse finden, ist eine schöne Erfahrung. Und zugleich eine schöne Übung in Demut und Toleranz.

Welches sind deine Favoriten im Buch?

Sag ich nicht. Ein ganz spezielles Vergnügen, soviel kann ich sagen, waren die besonders guten Texte zu Platten, die ich absolut nicht mag. Das hat schon was. Da hat einer stilistisch ähnliche Präferenzen, da kann einer wirklich schreiben und findet dann so einen unglaublichen Mist gut. Solche Diskrepanzen finde ich ganz interessant.

Du hast im Buch unter anderem über die französische Metalband Gojira und über Bauer, Garn & Dyke geschrieben. Was macht diese Künstler so besonders für dich?

Gojira finden ja gerade alle gut, da muss ich nichts zu sagen. Aber Bauer, Garn & Dyke um Linderberg-Sidekick Hannes Bauer sind einzigartig, die vermischen die Onkel-Pö-Kleinkunst-Tradition mit bluesigem Hardrock. Es gab in den frühen 80ern keine Kellerparty ohne „Pyro-Manni“, das prägt natürlich.

Bands wie Dinosaur Jr., Pink Floyd oder Slade gehören nicht unbedingt zum Heavy-Metal-Kanon. Warum tauchen diese trotzdem im Buch auf?

Das erklären die Autoren sehr genau, es gibt gute Gründe. Bei Pink Floyd geht es vor allem um „The Nile Song“, den haben später Voivod gecovert, die wussten auch, dass es sich hier ureigentlich um einen Metalsong handelt.

Hast du überhaupt noch eine Platten- und CD-Sammlung? Wie und wann hörst Du Musik?

Ich habe noch meinen alten Dual-Plattenspieler aus den 80ern und die entsprechenden Vinyls, CDs natürlich auch, bin aber kein Sammler. Ich höre auch viele Streams und mp3s, weil ich als Musikschreiber Alben besprechen muss, bevor das finished product da ist, das ist einfach mein Job. Der bringt es dann auch mit sich, dass ich noch ziemlich viel höre, ein paar Stunden am Tag.

Das Wacken Open Air hat das Bild von Heavy-Metal-Fans in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit massiv geprägt. Nicht unbedingt zum Guten. Auf viele Bürger wirkt das Ganze wie eine große „Suff- und Gröhl“-Orgie. Wie stehst du zu Wacken?

Was der Bürger über Wacken denkt, ist das Problem des Bürgers, nicht meins. Mein Problem ist nicht der Suff und nicht das Gegröhle, sondern die Transformation eines Metal-Festivals in einen Freizeitpark mit dem entsprechenden Event-Publikum. Man kann in Wacken immer noch 120 Metalbands sehen, keine Frage, das Billing ist immer noch okay, junges Gemüse, Altmetaller, Avantgarde, alles da, man kann sogar Entdeckungen machen, wenn einem diese Disneyland-Atmosphäre nicht den Spaß verdirbt. Bei mir persönlich ist das allerdings der Fall.

Was wünscht du dir für Heavy Metal in der Zukunft?

Der soll mal ruhig so bleiben, wie er ist, sich also schön weiterentwickeln in immer neue Subgenres, wie er das schon immer getan hat. Mir ist um seine Zukunft jedenfalls nicht bange.

Was erwartet den Besucher am 1. März 2019 bei deiner Lesung im Universum Filmtheater?

Ich lese ja nicht allein, mir zur Seite stehen Toddn, Till Burgwächter, Axel Klingenberg, Gerald Fricke. Wir brennen natürlich das übliche Feuerwerk ab, das heißt: Witzraketen galore, eine Anekdote jagt die nächste, da wird geklotzt und nicht gekleckert, und zwischendurch gibt unser Mann am Bass, der gute Schepper, immer mal wieder den Cliff Burton, vielleicht auch Geddy Lee. Kommt immer darauf an, wie er sich gerade fühlt. Und danach gibt es ja auch noch „Heavy Trip“, eine ziemlich großartige Metal-Komödie. Also, wenn du mich fragst, ich würde da hingehen!

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