23. September 2022
Wissenschaft

Diese Schulfächer wünschen sich Helmstedter Schüler

Schülerinnen und Schüler vom Gymnasium Julianum sprechen über neue Lerninhalte und Zukunftsängste

Schüler und Schülerinnen des Helmstedt Gymnasiums Julianum. Sie wünschen sich Lehrinhalte mit mehr Realitätsbezug. Foto: Jana Sievers

Die Schulglocke ertönt. In dem kleinen Klassenraum des Gymnasiums Julianum in Helmstedt kommen elf Schülerinnen und Schüler aus dem 12. und 13. Jahrgang in einen Stuhlkreis zusammen. Sie wollen darüber diskutieren, was ihnen inhaltlich am Unterricht fehlt. Zunächst notieren sie Schulfächer, die sie gerne gehabt hätten. Dabei gibt es einige Überraschungen.

„Wenn wir aus dem Gymnasium raus sind, wissen wir so viel wie ein Buch – aber wir wissen gar nichts über das Leben“, sagt der 18-jährige Philip. Es folgt zustimmendes Nicken von einigen seiner Mitschüler. Sie müssen viel lernen, sagen sie, doch oft fehle ihnen der Realitätsbezug bei den Themen.

Fächerwünsche: Praxisorientierte Wirtschaft und Gesundheit

Ein Fach, das sie sich wünschen, ist Wirtschaft. „Ich möchte gerne wissen, wie man die Steuererklärung macht“, sagt Maximilian. „Wie erstelle ich mir einen ordentlichen Finanzplan? Was muss ich über Verträge, Bewerbungen, Rente oder auch Bafög wissen?“ Das fragen sich einige in der Runde. „Wenn wir Wirtschaft und Finanzen als praxisorientiertes Fach hätten, wüssten wir schon, was nach der Schule auf uns zu kommt“, findet Maximilian. Einige Mitschüler schauen besorgt. Zwei Dinge wünschen sie sich ganz besonders für ihre Zukunft: Sicherheit und finanzielle Unabhängigkeit von ihren Eltern.

Bei Paula steht ein Fach an erster Stelle: Gesundheit mit Schwerpunkt mentaler Gesundheit. Yoga, Meditation, Ernährung, Anatomie und Krankheiten sollten unter diesem Oberthema aufgenommen werden. Generell würde Sport zu kurz kommen, geschweige denn, sich mit seinem Körper auseinander zu setzen. „Zudem könnte jeder in die Lage kommen, erste Hilfe leisten zu müssen“, wirft Luca ein. „Das macht man doch nur einen Tag im Theorieunterricht beim Führerschein und hat es später wieder vergessen.“ – „Die stabile Seitenlage verstehen auch schon Siebtklässler“, fügt Paula hinzu. Ihr gemeinsamer Vorschlag: Wiederkehrende Kurse einrichten, damit das Wissen nicht verloren geht. So könnten sie immer eingreifen, wenn etwas passiert.

Julianum-Schüler fragen nach dem Sinn mancher Lehrinhalte

Die Schüler möchten vorbereitet sein auf das Leben nach der Schule – ob es nun das Studium ist, die Ausbildung oder andere Berufsfelder. Neben vollgepackten Stundenplänen und Klausuren kämen andere Aktivitäten zu kurz. „Wir bilden uns nicht nur in der Schule weiter, sondern auch in Vereinen“, so Philip. „Doch dafür bleibt kaum Zeit.“

Wozu Leistungsdruck und Stress und die Frage nach dem Sinn mancher Lehrinhalte führt, fasst schließlich Max zusammen: „Ich kann gar nicht herausfinden, was ich möchte. Was passt überhaupt zu mir?“ Maximilian führt es weiter aus: „Auf einem Gymnasium wird davon ausgegangen, dass alle später studieren werden. Aber manche wollen das vielleicht gar nicht.“

Die Helmstedter Schüler möchten realitätsbezogene Themen aufgreifen

Ein weiterer Punkt, den die Jugendlichen ansprechen: Auch den Lehrern fehle die Zeit. Dabei gäbe es so viele, die ihnen helfen würden. So erzählt Luca von einem seiner Lehrer, der bei wichtigen Themen auch mal vom Plan abweicht: „Wir haben uns mal eine ganze Stunde über Alkohol und seine Folgen unterhalten – einfach weil es grad wichtig erschien.“

Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine wurde dieser Konflikt besprochen. Themen wie das Abtreibungsgesetz in den USA habe bei Schülern sowie Lehrern Anklang gefunden. Die Jugendlichen schätzen Themen, die einen aktuellen Bezug herstellen.

Gymnasiasten stehen kurz vor dem Schulabschluss und haben Zukunftsangst

Am Ende der Diskussion wirken die Schüler einerseits niedergeschlagen, weil sie ihren perfekten Stundenplan in ihrer Schullaufbahn nicht mehr erleben werden, andererseits zufrieden mit ihren Ergebnissen: „Wir brauchen nicht unbedingt neue Fächer, sondern müssen die Themen in den alten einfügen.“ Wirtschaft könnte in Mathe integriert werden, das Thema Nachhaltigkeit in Erdkunde, Yoga und Meditation im Sport, Sexualkunde als immer wiederkehrender und ernstzunehmender Kurs im Biologieunterricht.

Seit Covid sei bei den Schülern am Gymnasium Julianum die Zukunftsangst gestiegen. Sie denken mehr darüber nach, wie es für sie weitergeht. Und auch daran, was sie aus dem Unterricht mitnehmen. Mit ihren Wunschthemen in der Tasche verlassen sie die Runde. Auf dem Flur werden sie von Schulleiter Lars Herrmann gegrüßt. Die Schulglocke klingelt zur nächsten Stunde.

 

Helmstedter Schulleiter vom Gymnasium Julianum im Gespräch:

Wie stehen diejenigen, die den Schulalltag organisieren, zu den Ideen der Jugendlichen? Lars Herrmann ist Schulleiter am Gymnasium Julianum in Helmstedt. Er äußert sich im Gespräch zu den Wünschen und Ängsten seiner Schüler. Diese haben zuvor in einer Gesprächsrunde erklärt, was sie im Lehrplan vermissen und warum. Er macht deutlich, dass es einige Hürden im Schulsystem gibt – aber auch Möglichkeiten.

Herr Herrmann, einige Ihrer Schüler haben erzählt, dass sie sich durch den derzeitigen Lehrplan nicht vorbereitet genug fühlen auf das Leben nach der Schule. Sie entwickelten Ideen für neue Fächer. Können Sie als Schulleiter einfach Fächer verändern?

Fächer kann man nicht einfach so ändern. Kapitalaufbau, mentale Gesundheit – das sind schon große Themen, die man nicht nebenbei besprechen kann. Wenn man die Strukturen kennt, weiß man, dass das nicht so einfach geht. Wir müssen uns als Gymnasium an Bildungsverpflichtungen und den sogenannten Fächerkanon halten. Dem Kultusministerium kann man auch nicht so einfach die Schuld an den Zukunftsängsten der Jugendlichen zuschieben. Was die Fächer angeht: Was wir hauptsächlich an der Schule lehren wollen, sind Arbeitskompetenzen und Methoden. Außerdem, wenn man ein neues Fach einführen will, braucht man auch das Personal dazu. Natürlich nehme ich die Ideen ernst, keine Frage. Man könnte zum Beispiel Projekte und AGs zu diesen Themen anbieten.

Lars Herrmann ist seit 1. Februar 2022 neuer Schulleiter des Gymnasium Julianum Helmstedt. Er ist dafür, Schule partizipierter zu gestalten.
Foto: Markus Brich

Die Schüler treiben vor allem die Themen Gesundheit und mentale Gesundheit um – damit wollen sie sich intensiver auseinandersetzen. Kann eine Schule das stemmen?

Ich würde nicht sagen, dass uns das nichts angeht. Die Gesellschaft verändert sich – natürlich auch in den Schulen. Es gehört zu unserem Bildungsauftrag dazu, mit diesen Veränderungen umzugehen. Es gibt das Fach Psychologie, wenn auch nicht an jeder Schule. Ansonsten könnte man Projekte zur Stressprävention anbieten. Teilweise machen das auch Krankenversicherungen.

Also sollte man das erst gar nicht als Fach anbieten?

Ich weiß gar nicht, ob das etwas bringen würde. Vielmehr sollten wir die Beratungsangebote ausbauen, damit Schüler sich an uns wenden und sie sich weniger unter Druck gesetzt fühlen.

Den Schülern fehlte eher der Realitätsbezug zu den Lehrinhalten.

Natürlich gib es verschiedene Lebensrealitäten. Es ist individuell, was ein Schüler braucht. Schule entwickelt sich ständig weiter. Das Problem ist: Sie hängt immer hinterher. Aber wir verbessern uns weiter und auch der Realitätsbezug soll verbessert werden.

Sollten Schüler mehr Mitspracherecht bekommen?

Wir kommen aus den Sachzwängen nicht heraus. Ohne diese Zwänge wäre ich dafür, Schule partizipativer zu gestalten und die Schüler zu fragen: Was wollt ihr? Teilhaben können die Schüler schon im Schülerrat, der ihre Anliegen an das Schulamt heranträgt. Es hat aber alles seinen Rahmen. Schule ist ein starres Konstrukt, von dem aber viele profitieren. Mit einem guten Abitur stehen den Kindern viele Türen offen.

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