9. Mai 2022
Szene-News

Braunschweig: Alle FLINTAS* an Deck!

Empowerment Projekte für mehr Diversität in der hiesigen DJ-Szene – wie Jugendkulturarbeit derzeit den Techno in der Braunschweiger Szene umstrukturiert.

Miri und Finn, Studierende der sozialen Arbeit an der Ostfalia, haben im Angesichte des DJ-Ungleichgewichts gehöriges Engagement an den Tag gelegt: Im Rahmen Ihres Projektstudiums im Jugendkulturzentrum B58 bringen sie eine Reihe von Steinen ins Rollen, um entsprechendes FLINTA*-Empowerment an den Start zu kriegen. Fotos (alle): Frank Tobian.

Auch wenn die Gemeinschaft der technoliebhabenden allgemein offen einsteht für Diversität und es als wesentlichen Szene-Grundpfeiler begreift, gesellschaftliche Konventionen und althergebrachte Geschlechterrollen zu überwinden, fällt eines dennoch häufig auf: FLINTA*-Personen sind seltener hinter den Turntables anzutreffen, als Ihre männlichen Kollegen. Das Akronym FLINTA* steht dabei für Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen. Um dem entgegenzuwirken brachte sich im vergangenen Jahr ein engagiertes Team in Stellung. Miri und Finn, Studierende der sozialen Arbeit an der Ostfalia, haben im Angesichte des DJ-Ungleichgewichts gehöriges Engagement an den Tag gelegt: Im Rahmen ihres Projektstudiums im Jugendkulturzentrum B58 bringen sie eine Reihe von Steinen ins Rollen, um entsprechendes FLINTA*-Empowerment an den Start zu kriegen.

Podiumsdiskussionsrunde zu „Techno is FEmale“.

Mit der Veranstaltung „Techno is FEmale“ auf dem Gelände „Die Halle“ am Hauptgüterbahnhof Braunschweigs kam im September 2021 ursprünglich der Schwung in die Kiste, die Dinge nahmen Ihren Lauf und haben bis heute eine beachtliche Eigendynamik gewonnen: „Die Idee zu den nun folgenden FLINTA*-Workshops kam bei der „Techno is FEmale“-Veranstaltung schon auf, im Zentrum stand hier vor allem unsere Live-Podiumsdiskussion“, erklärt mit-Initiatorin Miri. Unter den Teilnehmenden hier waren unter DJs aus Braunschweig wie etwa Andreas Siegemund, alias Siggie.Smalls, Resident im Laut Klub. Der Austausch hat gefruchtet, erst kürzlich legte das Laut neue Richtlinien vor, welche die Safe-Space Idee des Klubs betonen und unter anderem etwa Foto- und Videoaufnahmen im Tanzbetrieb unterbinden. Mit dem Konzept führte die Szene-Diskothek an der Hamburger Straße auch ein Awareness-Team ein, welches sich vor Ort bei den Raves um das Befinden der Besucher:innen kümmert. 

Neues Projekt: „Techno is FEmale“

Unterstützt wurden Miri und Finn wesentlich auch vom Team um Frank Tobian, dem Leiter des städtischen Jugendkulturzentrums B58. „Ziel in der soziokulturellen Jugendarbeit ist es, dass junge Menschen in diversen, demokratischen Zusammenhängen kulturelle Fähigkeiten erwerben und kulturelle Teilhabe erlangen“, so Tobian. Das Projektstudiensemester wird für die Studis am Ende mit einem praxisbezogenen Projekt abgeschlossen, in Miris und Finns Fall eben mit der Organisation von Techno is FEmale. Dass die beiden darüber hinaus jetzt weitermachen, ist auch der Unterstützung vom B58 geschuldet: „Es ist einfach wichtig, das B58 vielen Formen der Subkultur zu öffnen“, holt Frank Tobian aus, in dessen Einrichtung sich sowohl eine Konzertlocation als auch zehn Proberäume befinden. „Musik machen bedeutet einfach nicht immer gleich Band gründen“, so Tobian. Damit rückt nun auch hier das Produzieren elektronischer Musik verbunden mit dem DJing vermehrt in den Fokus der Jugendkulturarbeit. Raum 9 der Musiker:innneetage wird nun mit Fördergeldern der Stadt zu einem Proberaum für elektronische Musik, ausgestattet mit zwei MacBooks, Mikrofonen und DJ-Controller. Auf diese Weise soll hier die Möglichkeit eröffnet werden sich in die Materie einzuarbeiten, auch unabhängig vom Geldbeutel der Interessenten, denn Equipment ist teuer. In diesen Räumlichkeiten werden letztlich auch die nun kommenden Workshops durchgeführt. Anmelden konnten sich interessierte FLINTA*-Personen bei einer Kickoff-Veranstatltung unter dem Motto „B58 goes electronic“ im vergangenen April. „Noch bevor wir überhaupt alle im Saal begrüßen konnten, waren die ausgelegten Anmeldelisten bereits voll“, konstatiert Finn. „Die Resonanz war beeindruckend“, ergänzt Miri.  Angeleitet von den DJs Caro aka cc.fierce, Laura (Devils Ivy) und Steven (Si.Kurd) sollen in den nächsten Monaten allwöchentlich FLINTA*-Personen das Auflegen erlernen. „Ich freue mich, dass wir als B58 diverser werden können“, so das Statement von Frank Tobian. „Sowohl in den Fragen der Musikrichtungen die unter unserem Dach also nun durch Techno und ähnliches erweitert sind, als auch durch die Biographien unserer Teilhabenden vor Ort.“ 

Ein echter Safe Space

Eine Teilnehmerin der Workshops ist Mimi, die Ihrerseits im DJ-Kollektiv „Boom Cherry Soundsystem“ aktiv ist und sich unter anderem ehrenamtlich bei Veranstaltungen des Nexus engagiert. „Es ist einfach super schön zu sehen, dass sowas nicht nur in Berlin oder Hamburg passiert, sondern auch in Braunschweig eine Bereitschaft entsteht, sich kritisch mit eigenen Strukturen auseinanderzusetzen und zu gucken, was wir besser machen können“, so Mimi. „Man hat schon bei der Kick-off Veranstaltung gemerkt wie sehr alle diese Gemeinschaft in einem echten Safe-Space genossen haben.“ Bereits hier gab es erste kleine Schnuppermöglichkeiten an den DJ-Decks, bei der der Aspekt des Miteinanders gut durchkam: „Man hat gemerkt wie sich alle direkt ermutigt haben, wenn jemand unsicher war, wie man jetzt von einem Track in den nächsten faded oder so“, schwärmt Mimi und holt voller Tatendrang aus: „Das war wirklich schön zu sehen. Ich freu mich total darauf, dass alles in den kommenden Monaten in den Workshops zu vertiefen.“

Dadurch dass der Austausch über mehrere Einrichtungen hinweg passiert und etwa durch Verbindungen zum Lautklub der pädagogische Rahmen keinen Selbstzweck darstellt, bleibt abzuwarten, wie sich weiterhin die Strukturen der hiesigen Clubkultur shiften werden. Die ersten Schritte sind getan, erst kürzlich wurde so etwa auch die Workshop-Mentorin Laura alias Devils Ivy als neue Resident DJ im Laut vorgestellt. Die Szene ist und bleibt connected und zeigt wieder einmal mehr, dass das Miteinander den Weg hin zu mehr Diversität pusht. „Richtig cool, was hier auf die Beine gestellt worden ist. Dass es eben nicht nur bei Erkenntnissen bleibt á la man müsste hier mal was unternehmen, sondern dass wirklich eine praktische Umsetzung folgt“, so die Teilnehmerin Mimi. 

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