Abstrakte Vexierrätsel – Szene38
22. Juli 2020
Ausstellung

Abstrakte Vexierrätsel

Tony Cragg, einer der bekanntesten Bildhauer der Welt, präsentiert seine Ausstellung „Points of View“ noch bis zum 13. September 2020 im Schloss Museum Wolfenbüttel

Inspirierender Dialog zwischen Objekten und Räumen. Die Sonderausstellung „Points of View“ des britischen Bildhauers Tony Cragg im Schlossmuseum Wolfenbüttel. Foto: Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Im Berliner Regierungsviertel wurde Ende Juni eine Skulptur des Wuppertaler Bildhauers Tony Cragg aufgebaut. Die imposante, sechs Meter hohe Bronze-Skulptur trägt den Titel „Werdendes“ und steht vor dem Marie-Lüders-Haus. Das zeigt den Stellenwert des Wuppertaler Künstlers, der den bedeutendsten internationalen Bildhauern zählt. Seine Werke findet man in vielen wichtigen internationalen Sammlungen und im öffentlichen Raum. Eine aktuelle Ausstellung zeigt beeindruckende Arbeiten von ihm im Schloss Museum Wolfenbüttel.

„Thin Skin: Eine Skulptur von Tony Cragg im Schlossmuseum Wolfenbüttel. Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Baugeröll, Kunststoffteile und Müll

Cragg wurde 1949 in Liverpool geboren und lebt seit 1977 in Wuppertal. Während seines Studiums am Gloucestershire College of Art and Design und dem Londoner Royal College of Art begann er sich insbesondere für die Plastik zu interessieren. In seiner früheren Schaffenszeit verwendete der Engländer vor allem Fundstücke wie Baugeröll, Kunststoffteile, Müll und Haushaltsgegenstände. Daraus entstanden nicht nur dreidimensionale Arbeiten, sondern auch Mosaike aus flacheren Objekten und Materialfragmenten. Ab den 80ern wendete sich der Künstler traditionelleren Techniken wie der Zeichnung, Bronze- und Holzplastik zu. Als Lehrender und Rektor war er an der Universität der Künste in Berlin und an der Kunstakademie Düsseldorf tätig. Cragg erhielt für seine Werke renommierte Auszeichnungen wie zum Beispiel den Turner-Preis (1988).  Zudem nahm er an der documenta VII und VIII sowie diversen bekannten Kunstbiennalen teil.

Über zwanzig Skulpturen aus den 1990er-Jahren in Wolfenbüttel

Die Grundlage von allem, was ist, heißt Veränderung. Das haben Natur und Kultur gemein. Besonders spannend erscheint dieser Prozess, wenn man ihn beobachten oder mit allen Sinnen erleben kann. Über zwanzig Skulpturen aus den 1990er-Jahren bis heute bilden einen Schwerpunkt der Ausstellung in Wolfenbüttel. Darunter befindet sich unter anderem die titelgebende Arbeit „Points of View“. Die Werke erscheinen als abstrakte Vexierrätsel, die sich dynamisch im Raum entwickeln und statische Plastiken in spannende Erlebnisse verwandeln. Die Idee über ewiges Werden und Wandeln findet hier ihren zeitgenössischen Ausdruck.

Alles kommt aus der Materie

Schon als Kind war Tony Cragg fasziniert von Zeugnissen der Evolution. Mit seinem Bruder ging er auf Entdeckungstouren und sammelte Fossilien. Kleine Überreste von Lebewesen, die über Tausende von Jahren einen energetischen Prozess der Transformation überdauern. Die Form wird oft konserviert, das Material jedoch verändert sich. Solche Metamorphosen sind es, die den Künstler noch heute interessieren. Während die Natur hier das passende Material zur Erhaltung einer Form entwickelt, sucht Cragg die passende Form für ein Material. Nicht aber, um etwas zu bewahren, sondern um die Idee über betreffende Materie zu ändern und ihr einen neuen Ausdruck zu verleihen. „Es gibt keine Form, die keinen Inhalt hat. Und es gibt keinen Inhalt, der keine Form annimmt“, erklärt Prof. Cragg das Prinzip in einem Interview. „Mich interessieren Materialien, die mir die Möglichkeit geben, etwas über die Materie zu sagen.“

Möchte mit seinen Arbeiten einen Dialog zwischen rationalem Denken und Gefühlen auslösen: Bildhauer Tony Cragg beim Ausstellungsaufbau in Wolfenbüttel. Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Bronze, Stahl, Edelstahl und Glas

Neben organischen Materialien wie Stein oder Holz erhebt Cragg auch artifizielle Werkstoffe wie Bronze, Stahl, Edelstahl oder Glas zum Gegenstand seiner Untersuchungen. Sie bilden den Ausgangspunkt für einen künstlerischen Prozess, an dessen Ende Skulpturen unbändigen Formenreichtums stehen. Die Wildheit ihrer Bewegungen scheint in dynamischer Eleganz gebannt: alles eine Ansichtssache. „Die historischen Räume hier im Museum Wolfenbüttel sind etwas ganz anderes. Damit in den Dialog zu treten, ist sehr spannend“, so Prof. Cragg. „Ich möchte Arbeiten machen, die ein Dialog sind zwischen rationalem Denken und Gefühlen – so wie ich es auch im Leben gerne hätte. Die Kunst kratzt an dem Mysterium unserer Existenz. Kunst ist das, was allem einen Sinn gibt. Ein Kunstwerk ist nur ein Tor, das man mit dem Kopf öffnet.“
Craggs Ausstellung kann man noch bis zum 13. September im Schloss Museum Wolfenbüttel erleben.

Auch interessant