Keine Discokugel am Ende des Tunnels – Szene38
24. Juli 2020
Party-Tipps

Keine Discokugel am Ende des Tunnels

Braunschweigs Clubszene: Wie und wann geht’s endlich weiter!? Oliver Strauß, Geschäftsführer der Strauß und Lemke GmbH, spricht für die Diskothekenbetreiber

Oliver Strauß, Geschäftsführer der Braunschweiger Strauß und Lemke Gruppe, kämpft dafür das seine Clubs und Restaurants bald wieder öffnen können. Foto: Ingeborg Obi-Preuß

Tausende junge Menschen aus der gesamten Region können nur noch mit Mühe ihre Füße still halten: Die Clubs und Tanzpaläste in Braunschweig sind seit Monaten dicht. Keine funkelnde Discokugel ist am Ende des Tunnels zu sehen: „Bei den schrittweisen Lockerungen des Corona-Shutdowns hin zur Normalität sind wir gar nicht dabei“, sagt Oliver Strauß, Betreiber von vielen der größten und angesagtesten Discotheken der Stadt. Dazu gehören unter anderem gehören das 42° Fieber, Brain, Eulenglück, Lindbergh Palace und XO.  Von Ingeborg Obi-Preuß

Mangelnde Wertschätzung

Im Gespräch mit der Neuen Braunschweiger Zeitung beklagt er eine mangelnde Wertschätzung, mit der dem Thema und der Bedeutung von Diskotheken in der politischen Diskussion begegnet wird. Denn das Nachtleben sei auch ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Allein in seinem Unternehmen, der Strauß-Lemke-Gruppe, arbeiten mehr als 320 Mitarbeiter. Darunter sind auch viele Studenten, die hier ihren Lebensunterhalt verdienen.

Von hundert auf null

„Ich hätte mir gewünscht, dass mich mal einer anspricht“ – sagt Oliver Strauß nachdenklich. Der Unternehmer gehört zu denen, die in der Corona-Krise komplett ausgebremst wurden. Von hundert auf null. Und was noch schlimmer ist: „Ich sehe keine Perspektive.“ Zehn Clubs, Diskotheken, Restaurants und ein Hotel gehören zur Strauß-Lemke-Gruppe, prägen das Nachtleben Braunschweigs. Allein das 42° Fieber ist legendär. „Es gibt ja diese berühmten Lockerungsstufen, nach denen die Politik das öffentliche Leben schrittweise wieder an den Start bringt“, sagt Strauß, „aber selbst in der letzten Stufe, Stufe fünf, ist von Diskotheken keine Rede.“ Keiner weiß, wie es überhaupt weitergehen soll, ob und wann wieder getanzt werden darf. „Ich habe auch kein Rezept“, räumt Strauß ein, „mir ist klar, dass wir mit diesem Virus nicht feiern können, aber dennoch, wir müssen doch mal darüber reden.“

Veranstaltungen bis Ende des Jahres wurden abgesagt

Die Stadt hat ein Kulturpaket zur Verfügung gestellt, für das Strauß auch dankbar ist. Und das jüngst verabschiedete Konjunkturprogramm der Bundesregierung hilft, überhaupt planen zu können. „80 Prozent unserer Fixkosten werden damit übernommen. Wir waren die ersten, die zumachen mussten“, blickt Strauß zurück. Das Datum hat er sofort parat: Freitag, der 13. März. Das Schreiben der Stadt verfügte, dass die Gastronomie sofort schließen musste. „In Berlin durfte sie noch mehrere Tage weiter öffnen“, spricht er von einer gefühlten Ungerechtigkeit.
Vor allem für die Kurzfristigkeit hat er kein Verständnis. „Wir hatten hier im Fuchs Blau an jenem Wochenende zwei große Feiern, wir hatten alles eingekauft, die Kühlschränke waren voll, dabei viel hochwertiger Fisch“, weiß er noch genau. „Wir haben die Sachen verschenkt und am Ende weggeschmissen“, ärgert er sich, „da hätte ich mir ein bisschen mehr Augenmaß gewünscht.“
Alle Veranstaltungen bis Ende des Jahres sind abgesagt. Im Restaurant Fuchs Blau ebenso wie im Gewandhaus, das Strauß vor wenigen Jahren als Veranstaltungslocation übernommen hat. Da geht es Strauß wie allen Gastronomen, das ist ihm klar.

„Gastro funktioniert nur bei 100 Prozent“

Die jetzige Abstandsregelung zwischen den Tischen bedeutet 50 bis 60 Prozent Belegung, „das wird vielen aus unserer Branche endgültig das Genick brechen“, befürchtet er, „Gastro funktioniert nur bei hundert Prozent Auslastung.“ Völlig „veräppelt“ fühlt er sich bei den Bildern der jüngsten Demonstrationen, zuletzt am Sonntag auf dem Kohlmarkt. „Tausende von Menschen, dicht zusammen, ohne Konsequenzen. Aber in der Gastronomie wird genau nachgemessen.“

Diskotheken sind eindeutig systemrelevant

Oliver Strauß ist über WhatsApp mit den Besitzern der angesagtesten Clubs der ganzen Republik vernetzt. „Wir haben eine Krisengruppe gegründet“, erzählt er, das Pascha in München gehört dazu, das Bootshaus in Köln, berühmte Techno-Tempel in Berlin. „Alle stehen hilflos da“, sagt Strauß. Hilflos und sprachlos. Und fühlen sich alleingelassen. „Wir finden auf der politischen Ebene gar nicht statt, wir werden in den Rubriken für die Lockerungen auf gleicher Ebene mit Bordellen geführt“, regt er sich auf. „Die Bedeutung, die unsere Läden für die Stadt, für das Miteinander, für ganze Generationen haben, wird offensichtlich gar nicht wahrgenommen. Diskotheken sind eindeutig systemrelevant.“ Wenn Studenten beispielsweise ihre Uni-Stadt auswählten, dann würde ganz oben die Frage stehen: Habe ich da ein gute Zeit?

Partymeile am Kalenwall ist ein Mehrgenerationenhaus

„Wir sorgen in Braunschweig seit Jahren dafür, dass sich junge Menschen bei uns gut fühlen“, erzählt Strauß. Seine Partymeile habe eine Strahlkraft bis Hannover und Magdeburg. „Wir haben es geschafft, dass junge Menschen beispielsweise aus Peine lieber nach Braunschweig als nach Hannover kommen.“
Seine Partymeile am Kalenwall ist inzwischen das reinste Mehrgenerationenhaus. „Da kommt der Vater mit der Tochter aus dem Umland“, erzählt Strauß, „die Tochter geht ins Fieber tanzen, der Vater steht mit mir im Flamingo darüber an der Bar, spät in der Nacht fahren Vater und Tochter gemeinsam nach Hause.“ Das sei ein funktionierendes Nachtleben, nach dem sich andere Städte sehnen würden. Die Zusammenarbeit mit der Polizei laufe seit Jahren gut und eng.

Die Zukunft planen

„Ich weiß, dass es jetzt keine einfachen Lösungen gibt“, sagt Strauß. „Aber ich würde mir wünschen, dass Politik und Verwaltung auf mich, auf uns, zukommen und wir gemeinsam darüber reden, was Sinn macht, was helfen kann, wie ein Hilfspaket überhaupt geschnürt werden sollte, damit wenigstens einige von uns wirtschaftlich überleben.“
Und Strauß gehört noch zu denen, die gut im Geschäft sind. „Du hast doch bestimmt Millionen auf dem Konto, du wirst ja wohl vorgesorgt haben?“ – das sind Sätze, die er jetzt häufiger hört. „Natürlich haben wir Geld verdient, aber in der Gastronomie machst du sicher keine Millionen. Und wir haben auch immer viel investiert.“ Schicke Einrichtung, die neueste Technik, Lichtkonzepte und mehr. Das kostet. „Seit drei Monaten stehen wir komplett ohne Einnahmen da“, macht er deutlich, „die Fixkosten laufen weiter.“ Schon jetzt hätten zahlreiche Kollegen aufgeben müssen. Und auch mit der nun gewährten Übernahme von 80 Prozent der Fixkosten lasse sich nicht „ewig weitermachen.“ 20 Prozent sind 20 Prozent. „Da muss ich verhandeln, beispielsweise mit meinen Vermietern, um da irgendwie mit klar zu kommen. Ich zahle mir seit Monaten kein Gehalt mehr. Aber ich habe Familie, eine Frau und zwei kleine Kinder, wir müssen auch leben.“

Eine Win-win-Situation für alle

Er will nicht jammern, schon gar keine Extrawurst. Aber er möchte, dass mehr Augenmerk auf die Gastro-, Veranstaltungs- und Diskothekenszene gelegt wird. „Wie sollen junge Menschen nach Corona wieder feiern gehen, wenn nichts mehr da ist?“, fragt er. Und dabei gehe es durchaus um gesamtgesellschaftliche Aspekte. „Bisher haben wir die Tanzfreude und Feierlaune junger Menschen in Braunschweig in Bahnen lenken und ordnen können. Eine Win-win-Situation für alle Seiten. Was wird, wenn es diese Möglichkeiten nicht mehr gibt?“

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