Kälte und große Gefühle

Camouflage-Sänger Marcus Meyn im Interview

Camouflage: Für Marcus Meyn (Mitte) und seine beiden Mitmusiker waren die 80er Jahre das Jahrzehnt der musikalischen Findung und Prägung. Foto: Klaus Mellenthin

Eine der wichtigsten und einflussreichsten deutschen Synthie-Pop-Bands der 80er Jahre stammt aus Bietigheim-Bissingen in Baden-Württemberg: Camouflage. Im Jahr 1983 gegründet, inspiriert von deutschen Ausnahmebands wie Can und Kraftwerk, aber auch von englischen Elektronikgruppen wie The Human League und Heaven 17, fand die Formation bald ihren ganz eigenen erfolgreichen musikalischen Weg. Mit den Songs „The Great Commandment“ (1987) und „Love Is a Shield” (1989) landeten sie weltweite Hits, die noch heute im Radio laufen. Mit „Greyscale“ erschien im Jahr 2015 das achte Studioalbum der Band und erreichte Platz 14 der deutschen Charts. Am Samstag, 25. Februar, 22 Uhr, legt Camouflage-Sänger Marcus Meyn im Rahmen eines Depeche-Mode-Party-Specials im Stereowerk auf. Wir unterhielten uns vorab mit Meyn über seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Marcus, du wurdest mit deiner Band Camouflage von deutschen Bands wie Can und Kraftwerk beeinflusst. Was hat euch an diesem Sound fasziniert?

Diese Musik war anders als die Beatles, T-Rex, Sweet oder Middle Of The Road, die ich in meiner Jugend gehört habe. Es ging eine ganz besondere Faszination vom Klang und auch vom Erscheinungsbild aus, die viel Raum für Fantasie ließen.

Welche englischen Künstler waren zudem damals prägend für euch?

Ende der 80er gab es The Human League, Heaven 17, Kate Bush, David Bowie, Peter Gabriel um nur ein paar zu nennen, deren Musik uns in ihren Bann gezogen hat.

Welche besondere Rolle haben Anfang der 80er Jahre Depeche Mode für euch gespielt? Was war das Besondere an ihnen?

Depeche Mode waren zu Anfang nicht wichtiger als die anderen Künstler, die elektronische Musik gemacht haben. Ihre Bedeutung wuchs erst mit der Zeit, als OMD, Human League und Ultravox in den Mainstream abglitten, Depeche Mode sich aber kontinuierlich weiterentwickelten und melancholische, elektronische Musik mit großen Gefühlen und Melodien schrieben.

Was ist das Besondere am Genre Synthie-Pop? Welche Rolle spielen dabei Gefühle, speziell Melancholie?

Für mich ist das mit das Wichtigste! Diese schöne Traurigkeit, diese Kälte zum Teil in den Sounds, die dann doch das große Gefühl vermitteln können – großartig!

Warum waren die 80er Jahre so ein prägendes Jahrzehnt für dich?

Die 80er waren das Jahrzehnt meiner musikalischen Findung und Prägung. Wenn ich schreibe, dann kann ich es bis heute nicht leugnen…

Viele Hörer reduzieren Camouflage auf die Hits „The Great Commandment“ und „Love Is A Shield“. Wie gehst du damit um?

Die Menschen kennen noch andere Songs von uns, aber sie verbinden uns nicht damit, wenn sie im Radio laufen. Es ist schon o.k. – wir verdanken den Songs schließlich wahnsinnig viel.

Was geht in dir vor, wenn du diese hörst und spielst? Habt ihr dadurch finanziell ausgesorgt?

Ich freue mich, wenn sie im Radio laufen – ausgesorgt habe ich deswegen aber leider nicht.

Die Musikindustrie hat sich seit euren Anfängen massiv gewandelt und verschlechtert. Inwiefern habt ihr davon partizipiert bzw. seid davon betroffen?

Heute ist es sehr schwierig, einen Plattenvertrag zu bekommen – dafür ist es viel einfacher seine Musik publik zu machen – es ist also Fluch und Segen …

Warum ist es so schwer an eure großen Erfolge mit den Alben „Voices & Images“ und „Method of Silence“ Ende der 80er Jahre anzuschließen?

Wenn jemand die Erfolgsformel gefunden hat, dann würden bestimmt nicht nur wir uns darum reißen. Aber Scherz beiseite – heute ist es eben anders. Da wir nicht kontinuierlich erfolgreich waren, ist es einfach schwierig, bei jeder Veröffentlichung die Menschen davon zu informieren um sie ihnen näher zu bringen.

Wie war die Resonanz auf euer achtes Studioalbum „Greyscale“, dass ihr 2015 veröffentlicht habt?

Die Resonanz war fantastisch. Die Tour war ausverkauft und es hätte auch noch so weiter gehen können. Leider hat die Band aber beschlossen eine Pause einzulegen und somit wieder den Lauf unterbrochen.

Woran arbeitest du aktuell?

Ich konzentriere mich komplett auf mein neues Projekt M.I.N.E, welches ich zusammen mit Jochen Schmalbach und Volker Hinkel ins Leben gerufen habe. Wir haben gerade die erste Single „Things We’ve Done“ veröffentlicht.

Wer und was beeinflusst heute deine Texte und Musik?

Ich höre nach wie vor sehr viel neue Musik und informiere mich, was so läuft. Jochen ist als internationaler Produzent sehr erfolgreich und hat auch das Ohr am Puls der Zeit und so befruchten wir uns gegenseitig. Themen gibt es viele, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht.

Was wünscht du dir für deine musikalische Zukunft?

Dass ich mit tollen Leuten zusammen noch viele Konzerte weltweit spielen und Songs schreiben kann.

Was wirst du bei der Depeche Mode Party im Stereowerk auflegen?

Als DJ auf einer Depeche Mode Party bist du leider sehr eingeschränkt in deinem Repertoire, denn nach spätestens dem zweiten Song, der nicht von Depeche Mode ist, kommen die ersten Gäste und beschweren sich …

Was möchtest du bei deinen Hörern auslösen?

Ein tolles Gefühl, das sie durch den Abend begleitet!

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