„Ich lege nach wie vor mit Platten auf“

Jens Mahlstedt, DJ, Musikproduzent, Komponist für Film- und Theatersoundtracks im Interview – und am 5.11.2016 bei der Techno-Revival-Party im Stereowerk Braunschweig.

Jens Mahlstedt lieferte mit „Loops ´n Tings“ 1994 einen Longseller der deutschen Techno-Geschichte – mittlerweile gibt es mehr als 70 Versionen verschiedener Interpreten. Foto: Privat

Im heißen Sommer 1987 fing für Jens Mahlstedt alles an. Im Berliner Club Beehive legt er Rare Groove, Funk, HipHop und Chicago House auf, danach verschlägt es ihn nach Hamburg und Bremen, wo er als Resident-DJ in vielen wichtigen Clubs auflegt. Es folgen zehn elektrisierende Jahre bei der Love Parade von 1991 bis 2000 – im Jahr 1992 bietet ihm Gerret Frerichs (Humate) dort seine Produzententätigkeit an. Mit großen Erfolg: Die „Loops ´n Tings“-Remixes werden der 12“-Longseller der deutschen Techno-Geschichte – mittlerweile gibt es mehr als 70 Versionen verschiedener Interpreten des Titels. „Loops & Tings Relooped” klettert im Frühjahr 2004 einige Wochen auf Platz Eins der ODC, der Nachfolger „Never Be The Same” erscheint mit Remixen von Jesper Dahlbäck und JussiPekka.

Jens Mahlstedt arbeitet in den 90ern als Radio-Moderator Redakteur für Magazine, 1994/95 mixt er die ersten fünf Bonus-CDs der Trance Nation-Serie. Remixes für Lazonby, Yello, Tokyo Ghetto Pussy, Josh Wink´s Size 9 u.v.a. folgen. Seit Mai 1999 produziert Jens Mahlstedt mit Steve Mason, zunächst für dessen Label Experience 2000, Tech-House und Funky Techno. Mit „Acid Phonk“ gelingt den beiden im selben Jahr ein weiterer Klassiker, der viele DJ-Charts anführt. Zudem schreibt der Allrounder Soundtracks für Theater und Film, vertont experimentelle Modenschauen und lehrt dies an der Hochschule Hannover, Fakultät Medien, Information und Design. szene38 sprach mit ihm.

Jens, du feierst 2017 das dreißigste Jahr deiner DJ-Karriere. Wie blickst du auf deine Anfänge hinter den Plattentellern zurück?

Dankbar, als erstes. Ich bin froh, dass ich aus der Zeit stamme, wo mit Vinyl so richtig losgelegt wurde. Mitte der 80er Jahre spielte ja das Auflegen eine andere Rolle als heute. Ich bin da definitiv von der alten Schule, was das angeht. Ich lege nach wie vor mit Platten auf – und mit nichts anderem. Ich kenne aber auch alle digitalen Oberflächen, lehre das inzwischen sogar, wie das alles funktioniert, an einer Hochschule in Hannover. Aber nichtsdestotrotz je mehr ich mich damit beschäftige, desto weniger macht es mir Spaß mit digitalen Oberflächen direkt zu performen.

Was fasziniert dich am Auflegen mit Schallplatten?

Es ist wie, wenn ich in der einen Hand einen zwölf Jahre alten schottischen Whisky habe, und in der anderen Hand eine 3D-Animation. Ungefähr so ist das Verhältnis… Das eine kann ich spüren, kann es schmecken, es riecht nach Rauch oder nach Torf und hat ein Aroma. Eine 3D-Animation ist und bleibt dagegen ein Ersatzschlüssel für die Realität. Ich habe aber großen Respekt vor jungen DJ-Kollegen, die mit digitalen Medien groß geworden sind. Und die, wenn sie es denn schaffen, mehr bieten, als nur einen Sync-Button zu drücken und den Rest macht dann die Software.

Wie reagieren deine DJ-Kollegen und das Publikum, wenn sie dich hinter den Plattentellern erleben? Die meisten kennen ja heute kein Vinyl mehr…

Ich habe letztens einen Schreck bekommen, als meine Nichte mich fragte, was denn eine Schallplatte sei!? Da habe ich meinem Bruder die Frage gestellt, was denn da schief gelaufen ist, so in der Vermittlung dieser Materie (lacht). Ich glaube schon, dass es den Leuten Spaß macht. Gerade jüngeren Leuten. Die meisten sind neugierig und fühlen sich glaube ich ganz gut unterhalten. Wenn jemand in einem Koffer wühlt und zwischen Papphüllen kommen dann die Platten zum Vorschein – hoffentlich auch zur richtigen Sekunde, die richtigen Beats oder Takte auf den Punkt-, dann ist das schon etwas ganz besonderes.

Du kommst dir also nicht wie ein DJ-Großvater vor? Oder ein Relikt aus einer anderen Zeit?

Nein, ich habe ja täglich, vor allen Dingen auch durch meine Funktion als Lehrer an der Hochschule Hannover, Fakultät Medien, Information und Design – mit Leuten zu tun, die 20 bis 30 Jahre jünger und sehr neugierig sind. Die wissen dass man heutzutage auf Knopfdruck alles irgendwie nachlesen kann. Oder auch jedes Foto, jeden Style der Welt, jede Musikrichtung, jeden Mix, jeden DJ sich sofort auf die Ohren oder vor die Augen holen kann. Die merken aber auch, dass zum Teil etwas fehlt. Noch ein Beispiel: Der Nike Air Jordan kommt in meinem Leben schon circa zum zwölften Mal vor. Ein ständiges Revival. Auch die Abschnitte werden anscheinend immer kürzer, wenn bekannte Tracks Re-Released werden.

Der Bremer produziert auch Soundtracks für Theater und Film, vertont experimentelle Modenschauen und lehrt dies an der Hochschule Hannover, Fakultät Medien, Information und Design. Foto: Privat
Der Bremer produziert auch Soundtracks für Theater und Film, vertont experimentelle Modenschauen und lehrt dies an der Hochschule Hannover, Fakultät Medien, Information und Design. Foto: Privat

Auch deine Single „Loops & Tings” kam mittlerweile drei Mal neu heraus…?

Das ist stark untertrieben, von der Platte gibt es locker 150 Versionen! Diese Platte führt ein absolutes Eigenleben (lacht). Gerrit und ich sind die Produzenten von der Platte und bekommen im zwei bis drei Wochen-Rhythmus Anfragen von Bearbeitern, die das gerne nochmal machen würden und ob man eine Kooperation eingehen möchte.

„Loops & Tings“ ist dein erfolgreichster Track. Hast du es nie darauf angelegt weitere Hits zu produzieren?

Das war eine ganz klare Entscheidung dagegen. Diese Nummer ist aus so einer Sektlaune heraus damals im Studio in Oldenburg entstanden. Wir haben uns selber totgelacht, weil wir versucht haben, alle Klischees die es gab damals in einen Song reinzupacken. Alle! Und zwei Wochen später, rollte es dann los. Das war Mitte der 90er Jahre. Ich hätte Variationen davon weiter stricken können, aber mir war klar, wenn man das tut, wenn man eine Formel hat und diese über Jahre variiert, dann hätte man hat sich ausverkauft und eigentlich nichts mehr groß zu sagen. Dafür war ich zu selbstkritisch. Ich habe immer versucht meine Wurzeln zu reaktivieren und mich darauf zu besinnen, womit ich eigentlich groß geworden bin musikalisch. Und das ist was ganz anderes: nämlich Hip-Hop, Soul, Funk, Rare Groove, Jazz und Reggae. Wir sind, als es in den 80ern noch Amis gab in Norddeutschland immer in die GI-Clubs gegangen. Jeden Freitag und Samstag und haben da DJs aufgelegt, die nicht die deutschen Charts spielten. Davon wurde ich natürlich stark beeinflusst.

Deine Helden waren damals also nicht elektronische Bands wie Depeche Mode oder Kraftwerk?

Ne, waren es nicht! Auch das kann ich relativ klar beschreiben: Ich war damals auf der Suche nach neuen Sounds. Für mich waren Künstler wie Cameo, Africa Bambaataa oder Run DMC bestimmend. Instrumentals, Beatboxing und bestimmte „Synthis“ haben mich angemacht. Mitte der 80er merkte ich, über die Disco-Schiene Chicago House da tut sich was. Da wird was interessant, was es bisher so noch nicht gab. Disco-Beats ohne Vocals. Nur noch mit 4,8, 12, 16 Takten. Sehr hypnotisch, sehr merkwürdig, sehr dunkel und sehr „garagig“. Dann haben wir angefangen in Deutschland mit sehr wenigen Leuten diese Platten zu spielen. Anfang 1988, als ich noch in Berlin lebte, sind jeden Donnerstag durch die „Zone“ von Westberlin nach Hamburg gefahren. Also Mauer rein, Mauer raus (lacht). Um dann am Donnerstagabend im Grünspan auf der Großen Freiheit in Hamburg das Opera House zu machen. Das war super erfolgreich – jedes Mal ausverkauft. Dort haben wir nur House gespielt, später auch so Tech-Elemente. So hat sich das Ganze im Grunde entwickelt.

Für dich war Kredibilität immer wichtiger als Kommerz?

Nicht auf Krampf. Ich bin schon jemand der sehr gerne lacht, vor allen Dingen über sich selbst. Das finde ich eine ganz wichtige Geschichte. Wenn man sich vor Leute stellt die 30 Jahre jünger sind und sich selber zu ernst nimmt – dann hat man schon verloren. Du kannst ja nicht irgendwo hingehen und dir den Professor Unrat ins Gesicht holen, dich an deinem Bart kraulen und dann versuchen die Welt zu erklären. Sowas ist Quatsch.

Du hast auch viel als Remixer gearbeitet. Was waren deine Lieblingsremixe?

Zwei Lieblingsremixe sind von Yello und Josh Wink. Da sind Tracks entstanden, die ich gerne immer mal wieder präsentiere.

Du hast auch öfter auf der Loveparade in Berlin aufgelegt. Wie hast du das Event in Erinnerung?

Ich habe zum ersten Mal 1990 dort aufgelegt und bis 2000. 1991 und 1992 waren wir insgesamt nur 18 DJ-Kollegen. Danach kamen aus ganz Deutschland die Leute mir ihren Bussen angefahren und es wurde immer größer. Die größte war dann vermutlich um 1999/2000. Wo für mich dann auch das Ende der Techno-Bewegung zu erkennen war. Ich war auf dem Hamburger Wagen, vor mir war der Wagen von Gotthilf Fischer und hinter mir der vom Marienhof – da habe ich dann die Notbremse gezogen. Heutzutage hat sich elektronische Musik in tausend Schubladen zersplittert. Heute gibt es nicht mehr den großen Renner, wie vor 20 Jahren. Aber das hat auch etwas Gutes, weil es musikalisch heute viel spannender ist.

Es muss erst mal wieder etwas zerstört werden um wieder etwas aufzubauen… 

Ich weiß nicht, ob es nochmal so eine große Bewegung geben wird. Ich kann sie nicht so richtig erkennen. Aber diese Festival-Kultur, das Modell Deichkind, es gibt immer ein paar Leute, die was Performance angeht, richtig geile Ideen haben…

Was war rückblickend deine schönste Veranstaltung?

Da gibt es eine, das wird die Braunschweiger freuen. Es gab mal eine ganz kleine, düstere, schmierige Bar in Braunschweig, die hieß Lulu-Bar. Da durfte ich vier Nächte auflegen, die habe ich bis heute in Erinnerung. Das war ein Knaller in so einem ganz kleinen Laden, wo vielleicht 80 Leute reinpassten. Die Veranstalter hatten ein riesiges Loch mit einem Hammer in die Wand geschlagen und man legte wie in einem Steinbruch auf (lacht). Auf Europa bezogen, gibt es das beste Publikum in Holland. Sehr aufgeschlossen und interessiert. Da habe ich mich immer sehr wohl gefühlt.

Vom Club ging es für dich Ende der 90er auch auf die Theaterbühnen. Was reizte dich am Wechsel von der Subkultur in die Hochkultur? Wie hat beides miteinander zu tun?

Auch da will ich keinen Krampf daraus machen. Es hat bei mir schon sehr viel früher begonnen. Mein erster Theaterjob war tatsächlich 1990. Da habe in Bremen „Was ihr wollt“ von Shakespeare vertont. Das ist direkt aus dem Nachtclub auch entstanden, weil das ganze Regieteam auch tanzen war. Die haben mich darauf angesprochen. Das mache ich sehr gerne. Ich bin jemand der sich für ganz viele Dinge interessiert und sich auch sehr schnell langweilt. Ich versuche Sachen zu hinterfragen und Informationen zu sammeln. Ich liebe es, mich in Texte zu vertiefen und Dinge zu recherchieren, zu prüfen und zu vergleichen. Da kommt Theater natürlich als Spielfeld in Frage, weil die großen Fragen auch immer dort gestellt wurden und werden.

Hast du Lieblingstheaterstücke?

Es gibt eine Menge Schauspieler und Schauspielerinnen, die ich liebe und denen ich stundenlang zugucken kann. Vieles was auf der Volksbühne in Berlin gemacht wurde, vor allen Dingen auch in den 90ern und 2000ern, von Frank Castorf. Ich finde es auch geil, wenn Sachen so ausufern. Wenn man dort sechs Stunden ohne Pause gezwungen wird sich mit einem Stoff auszusetzen. „Dämonen“, alles von Dostojewski fand ich sehr gut. Natürlich Shakespeare, immer wieder neu bearbeitet. Das hat eine Zeitlosigkeit. Mein neustes Projekt ist ein ganz frühes Stück von Heinrich von Kleist mit der Hochschule in Frankfurt, „Die Familie Schroffenstein“. Geiler Text. So eine Klan-Geschichte, da rollen Köpfe, da geht es zur Sache.

Unvergessliche und ungewöhnliche Auftritte hatte Mahlstedt auch in Braunschweig. Er legte in der kleinen, düsteren, schmierigen und abbruchreifen Lulu-Bar am Rotlichtviertel auf. Foto: Privat
Unvergessliche und ungewöhnliche Auftritte hatte Mahlstedt auch in Braunschweig. Er legte in der kleinen, düsteren, schmierigen und abbruchreifen Lulu-Bar am Rotlichtviertel auf. Foto: Privat

Das Gegenteil von einem Technoset ist das Sprechen und der viele Text im Theater…

Das erregt bei mir die Neugier. Ich war auch immer ein großer Fan von Filmmusik, von Soundtracks. Immer wenn ich ins Kino gegangen bin, habe ich genau darauf geachtet, was es zu hören gibt. Oder warum einen plötzlich eine Szene so packt. Musik ist ein großer Träger von Emotionen.

Bist du auch ein Filmfan?

Ich habe vor einigen Wochen das erste Mal „Krieg der Sterne“ gesehen. Ich kannte das immer nur von Merchandising wie Kaffeetassen und T-Shirts. Ich habe mich immer gewundert, warum auf Flughäfen die Schokolade in Darth-Vader-Hüllen verpackt war (lacht). Der erste Teil lief vor ein paar Wochen mal im Fernsehen und ich habe ihn mir angeguckt – es war skurril. Mein Filmschwerpunkt liegt auf jeden Fall bei Regisseuren wie Alfred Hitchcock und Brian de Palma – so klassischer suspense. Viel Schwarz-weiß, ein bisschen Nebel… Die Edgar-Wallace-Verfilmungen fand ich auch geil, als ich jung war. Die derben deutschen Sachen mit Klaus Kinsky und Eddi Arent.

Was legst du bei der Techno-Revival-Party am 5.11.2016 im Stereowerk Braunschweig auf? Spielst du die alten Sachen von früher oder ein moderneres Set? Warum kommst du überhaupt her?

Oliver Strauss hat mich gebucht für das Ding. Den kenne ich auch schon länger, wir haben uns auf Partys in der Zeche in Lengede in den 90er Jahren kennengelernt und dort zusammen aufgelegt. Wir bespielen auf der Techno-Revival-Party den zweiten Floor. Das finde ich gut, da müssen wir nämlich nicht so „ballern“ (lacht). Einige Kollegen werden sich in Sachen Tempo und Krach sicher auf dem ersten Floor überbieten. Auf dem zweiten Floor haben wir die Möglichkeit das Tempo ein bisschen rauszunehmen und mehr Bandbreite und Coolness anzubieten. Ich werde auch ein paar alte Sachen spielen. Es gibt ein Grundprinzip: Es darf auf keinen Fall langweilig werden. Dafür ist man da. Das muss Spaß machen.

Ist es okay für dich, dass Oldschool-Techno zurückkehrt?

Ja, aber man muss aufpassen, dass es nicht zur Routine wird. Wie zum Beispiel diese ganzen Mottopartys… Zuerst waren es die 70er, 80er, 90er und nun die 2000er – und schon hat man ein Publikum an Bord, was man ein Leben lang nicht wollte. Man muss sich ab und zu auch mal rarmachen.

– Christian Göttner, Maria-Magdalena Reszkowski

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