Tocotronic machen „großen Hausbesuch“ in Braunschweig

Anfang November kann man die Diskurs-Pop-Band bei einem besonderen Auftritt im Staatstheater erleben

„Es Ist Egal, Aber" Tocotronic kommen nach Braunschweig. Die Institution des deutschsprachigen Indie-Pop, bewegt sich seit 1993 zwischen „Schall und Wahn“. Foto: Michael Petersohn

Sie gelten als eine der textlich und musikalisch intelligentesten, anspruchsvollsten und auch wandlungsfähigsten deutschsprachigen Bands: Tocotronic. Die Hamburger machen den Live-Auftakt für ein neues und exklusives Veranstaltungsformat in Braunschweig.

Cordhosen, Werbe-T-Shirts und Trainingsjacken

Im Jahr 1993 gründeten Dirk von Lowtzow (Gesang), Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Schlagzeug) Tocotronic. Ihre Band benannten die drei unzufriedenen Jungspunde nach einer japanischen Spielkonsole namens Tricotronic, einem Vorgänger des Game Boy. Das Spielerische, die Neugierde und das Ausprobieren haben sie sich bis heute bewahrt. Als Teil der „Hamburger Schule“, in der sich auch intellektuelle Bands wie Blumfeld und Die Sterne bewegten, wurden Tocotronic mit energetischen, lauten und launischen Indie-Rock groß. Schlechte Frisuren, Cordhosen, Werbe-T-Shirts und Trainingsjacken markierten auch optisch ihr Anderssein. Dieses zeigte sich auch in ironischen Textzeilen wie „Ich Möchte Teil Einer Jugendbewegung sein“.

Sie kamen um sich zu beschweren

Bereits ihr Debüt-Album „Digital Ist Besser“ wurde im Jahr 1995 ein Klassiker der neuen deutschsprachigen Indie-Popmusik. Ihre Texte mit melancholische Momentaufnahmen und punkigen Slogans trafen den Nerv der nachdenklichen Klein- und Großstadtjugend. Plakative Protestsongs für verlorene Mittelschichts-Kids. „Wir kommen um uns zu beschweren“ betitelten sie ihr Nachfolge-Werk aus dem Jahr 1996 treffend – und sind bis heute geblieben. Zwölf Alben haben die Lieblinge des Feuilletons bis dato veröffentlicht – mit den Jahren wurde die Musterknaben der „Hamburger Schule“ immer erfolgreicher und selbstreflexiver. Vier ihrer Alben platzierten sich auf Platz 3 der deutschen Charts. Zwei schaffen es bis an die Chartspitze. Dazu gehört auch das aktuelle Werk „Die Unendlichkeit“ (2018).

Hinterfragen und neu erfinden

Ein künstlerischer Veränderungsprozess setzt mit dem Album „K.O.O.K.“ (1999) ein. Die Band spielt die Songs nun im Midtempo. Außerdem wird es abstrakter und sogar elektronischer. Tocotronic entwickelt sich zu einer selbstbewussten, etablierten und kunstvollen deutschen Rock-Band. Anteil daran hat auch der Gitarrist und Keyboarder Rick McPhail, der viertes Bandmitglied wird. Im Jahr 2005 heißt es dann: „Pure Vernunft Darf Niemals Siegen“. Die Formation gibt sich kämpferisch, wieder wütend, aber auch poetisch. Im Jahr 2010 schafft es die Gruppe mit „Schall Und Wahn“ (als dritter Teil der Berlin-Trilogie) erstmals auf Platz 1 der Charts.
Bis heute hat sich die Hamburger Formation immer wieder neu erfunden und hinterfragt. Das spiegelt auch das Werk „Die Unendlichkeit“ wider, das äußerst vielfältig und experimentell ausfällt.
Am Samstag, 9. November 2019, 20:00, spielen Tocotronic im Großen Haus des Staatstheaters. Initiator der neuen Reihe GroßerHausBesuch (mit zwei bis drei besonderen Konzerten pro Spielzeit) ist das Staatstheater Braunschweig. Hauptsponsor ist Volkswagen Financial Services.

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