„Es ist mein Hauptberuf in der Manege zu sein“

Rocko Schamoni gastiert am 26. August bei KulturImZelt - vorher sprach er mit szene38.

Wesentlicher Akteur der deutschen, anspruchsvollen Kulturszene: Rocko Schamoni. Foto: Dorle Bahlburg / oh.

„Ich habe keinen Job – meine ganze Welt ist Hobby“: Das Zitat entstammt einem Interview von Rocko Schamoni mit ZEIT Campus. Tatsächlich fließt das künstlerische Schaffen des Schriftstellers, Musikers, Regisseurs und Künstlers in diverse geschätzte Projekte. Ende August tritt er gemeinsam mit seiner Band (bestehend aus Matthias Strzoda) bei KulturImZelt auf. Falk-Martin Drescher sprach vorab ausführlich mit Schamoni.

Im vergangenen Jahr hast du mit den Kollegen der Braunschweiger Zeitung darüber gesprochen die Manege zu verlassen und etwas anderes zu machen. Was ist aus dem Gedanken geworden?
Das ist nicht so einfach, weil es nun mal mein Hauptberuf ist in der Manege zu sein. Ich arbeite daran und es gibt verschiedene andere Felder, in denen ich tätig bin. Wann das so sein wird, ist aber noch nicht 100-prozentig absehbar.

Es gibt also Felder auf die du hinarbeitest?
Ich arbeite auf jeden Fall als Fliesenhersteller – ich habe jetzt für eine Gastronomie in Hamburg Fliesen hergestellt – das ist vielleicht ein Teilbereich der Zukunft.

Hast du dir ein Ziel gesetzt, wann es soweit sein soll?
Nein, dass kann man so nicht sagen, weil ich ja keinen Erfolg in der Zukunft planen kann. Man muss sich Zeit lassen und sehen ob es funktioniert und ob das dann mehr werden kann.

Du hast in einem Interview gesagt, die Bedingungen für Künstler hätten sich grundsätzlich verschlechtert. Was meinst du damit und warum denkst du, dass es so ist?
Im Bereich der Populärmusik ist es fast überflüssig geworden Platten zu veröffentlichen, weil Plattenmedien eigentlich nur noch Werbemittel für Liveauftritte sind. Es sei denn, du bist ein sehr großer Künstler und kannst von den Einnahmen der Plattenverkäufe noch leben. Aber durch Downloading, Spotify und diese ganzen neuen Formate, die es gibt, ist es kaum noch möglich durch Platten- und CD-Verkäufe leben zu können. Deswegen muss man quasi immer spielen, spielen, spielen – davon lebt man mittlerweile. Das ist auch ganz okay, aber je älter man wird, desto weniger attraktiv erschient einem das. Mit 20 wollte ich nichts lieber als das, aber jetzt ist das nicht mehr so – es ist anstrengend und es nutzt sich irgendwann ab. Irgendwann ist das ein ganz normaler Beruf, den man da hat, der auch Nerven kostet. Insofern gibt es irgendwann einen Bereich, in dem man dann irgendwann loslassen will – zumindest ich.

Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma der Plattenverkäufe – oder ist das eine unaufhaltbare Entwicklung?
Bei Schallplatten ist das ist noch ein bisschen anders als etwa Bücher zu schreiben und diese herauszubringen. Man muss nicht unbedingt auf Lesetouren gehen, man kann auch darauf hoffen, dass die Buchverkäufe so gut sind, um davon Leben zu können. Aber das ist auch von Buch zu Buch anders. Manchmal gelingt einem das, das nächste Buch verkauft sich dann nicht gut, dann musst du wieder auftreten. Und ich spare mir das Auftreten als eine Art Luxus zurück für mich, auf den ich mich freue, der ab und zu stattfindet, nicht allzu häufig – sondern relativ selten. Wo ich das Gefühl habe: Das ist etwas Spezielles und kein Alltagsstandard.

Heißt das, dass die meisten Auftritte schon eher reiner Job sind und nicht mehr so sehr künstlerische Entfaltung drinsteckt?
Doch, doch! Ich trete ja an relativ vielen verschiedenen Orten auf und es gibt Orte und Publika, die eine einzige Belohnung sind. Aber es gibt auch Orte, wo es nicht so viel Spaß bringt, weil das Publikum auf eine bestimmte Art und Weise abwesend ist – oder du hast weite Wege, wo du in irgendeinem Kaff landest und du denkst: „Was mache ich hier gerade?“. Das passiert allen Künstlern, die auf Tournee sind. Je älter man ist, desto sensibler wird man gegenüber solchen gegebenen Zuständen.

Gibt es bestimmte Konstellationen, bei denen du dir im Vorhinein schon sicher bist, dass es für dich zusprechender ist?
Es gibt Städte von denen ich weiß, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es gut wird, 100-prozentig ist. In diese Städte fahre ich natürlich sehr gern, weil ich mich darauf verlassen kann, dass die Abende toll werden. Und es gibt Städte, wo ich danach sage: „Lasst uns da lieber gar nicht mehr hinfahren oder zwei Jahre Pause machen – da muss ich so schnell nicht wieder hin.“

Schamoni: „Braunschweig scheint in den 80ern und 90ern eine sehr drogenaffine Stadt gewesen zu sein“

Wie sind deine Erinnerungen an Braunschweig?
Zuallererst fällt mir da der legendäre Line Club (das heutige Brain; Anm. d. Red.) ein, gibt es den noch? Da denke ich an bizarre, lustige Drogengeschichten aus Braunschweig, die mir auch von vielen Bands erzählt wurden. Braunschweig scheint in den 80ern und 90ern eine sehr drogenaffine Stadt gewesen zu sein. Ich war lange (vor dem Auftritt im Staatstheater vergangenen Jahres; Anm. d. Red.) nicht in Braunschweig und habe mich an dem Abend gefreut, weil wir einen tollen Sound hatten und das Publikum sehr nett war. Aber ich bin in meinem Leben doch relativ selten in Braunschweig gewesen, weswegen ich darüber nicht wirklich urteilen kann.

Wenn du Ende August bei KulturImZelt zu Gast bist, hast du neben dem aktuellsten Album „Die Vergessenen“ auch unveröffentlichte Tracks mit dabei. Sollen die irgendwann auf einem neuen Album landen?
Das weiß ich nicht genau. Ich habe ja vor ein paar Jahren mein letztes Album abgeliefert, und in den ganz normalen Veröffentlichungszirkel wieder einzusteigen, finde ich uninteressant – aus den eben genannten Gründen. Aber vielleicht gibt es irgendwann ein neues Album, darüber habe ich mir bis jetzt keine konkreten Gedanken gemacht. Ich habe nur mit einem Freund darüber geredet wieder im Studio zu arbeiten und etwas aufzunehmen, aber ohne Ziel. Was daraus wird, weiß ich noch nicht genau.

Am 26. August spielt Rocko Schamoni gemeinsam mit „Tex“ auf der Bühne von KulturImZelt. Foto: Dorle Bahlburg / oh.
Am 26. August spielt Rocko Schamoni gemeinsam mit „Tex“ auf der Bühne von KulturImZelt. Foto: Dorle Bahlburg / oh.

„Die Vergessenen“ ist gemeinsam mit einem Orchester entstanden. Wenn ihr Songs aus dem Album zu zweit auf der Bühne spielt und kein Orchester im Gepäck habt, spielt man die Songs dann anders?
Das ist von Song zu Song anders. Es gibt Songs, die spielen wir nur zu zweit mit einem ganz kleinen Set, die werden dann eigen und eben klein interpretiert. Ein paar Songs spielen wir auch mit Spuren vom Orchester zusammen – dann klingt es eben nach dem Orchester. Wir haben jetzt aber nicht Songs komplett neu organisiert, um sie vom Orchester abzusetzen.

Ihr seid unter dem Titel „Songs and Stories“ unterwegs – die Geschichten, die zwischen den Songs platziert werden, strukturierst du die vorher oder ergeben die sich eher spontan?
Nein, das sind schon vorbereitete Geschichten. Jedes Jahr setze ich mich hin und schreibe ein paar neue Geschichten und stelle ein paar Abende zusammen, die ich lange nicht mehr gelesen hab. Ich versuche da eine Art Potpourri von unbekannten, bisher nichtveröffentlichten oder lange nicht dabei gewesen Geschichten zu erschaffen. Auch um sich selber ein bisschen zu überraschen.

Rocko Schamoni bei NEO MAGAZIN ROYALE

Du bist ja in vielen unterschiedlichen Kombinationen von Bands & Co. unterwegs und aktiv. Auf welche Projekte, Themen und Vorhaben konzentrierst du dich im Moment hauptsächlich?
Im Herbst kommen zwei Bücher raus: Das eine ist das große „Studio Braun“-Buch: Eine 400 seitige Werkschau unseres gemeinsamen Schaffens in den vergangenen 20 Jahren. Da gehen wir zu dritt – Heinz Strunk, Jacques Palminger und ich – auf Tour in Deutschland. Und dann kommt noch ein zweites Buch raus, das ich zusammen mit Christoph Grissemann erarbeitet habe, ein SMS-Buch: Wir haben uns jahrelang gegenseitig SMS zugeschickt, uns gegenseitig beschimpft. Irgendwann habe ich das aus dem Telefon und auf den Computer importiert – dann waren das 350 Seiten. Mein Verlag hat dann gesagt, er würde das gerne als Buch herausbringen, weil es sehr grotesk und lustig ist. Das erscheint im September. Das heißt „Ich will nicht Schuld sein an seinem Niedergang“.

Bist du immer noch SMS-Schreiber oder doch eher WhatsApp?
Ich schreibe eigentlich nicht so häufig und aktiv SMS, aber mit Christoph Grissemann hat das fünf Jahre angehalten. Da war fast schon eine kleine Sucht vorhanden.

Wie lange hast du am Buch „Studio Braun“ gearbeitet?
Naja, wenn man so will 25 Jahre oder so. Also die Werkschau war alles, was wir gemacht haben: Theater und Musik texten, Zeichnungen, Fotos, Kostüme…eine komplette Übersicht. Sehr abwechslungsreich, sehr witzig und sehr speziell. Wir hoffen sehr, dass es das Publikum erfreuen wird.

„Ich finde Omnipräsenz wahnsinnig öde“

Auf deiner Internetseite hast Du geschrieben: „Ich möchte als virtuelles Wesen im Datennebel nur erahnbar sein.“ Ist das ein Grund warum man dich zum Beispiel nicht bei Facebook findet? Und: Kommt man als Künstler überhaupt an solchen Kommunikationsmedien vorbei?
Nicht so richtig. Also, man muss schon versuchen, sich da irgendwie zu verbreiten, weil alle anderen Verbreitungsmethoden plattgewalzt worden sind. Aber ich persönlich finde Omnipräsenz wahnsinnig öde, deswegen versuche ich mich zurückzuziehen oder von der Bildfläche zu verschwinden und abzutauchen – außer wenn es etwas zu erzählen gibt oder eine Tournee ansteht. Sonst bin ich einfach weg und möchte auch gerne weg sein.

Inwiefern bist Du noch am Pudel Club beteiligt?
Der Pudel Club wird gerade neu aufgebaut, nachdem er letztes Jahr abgebrannt ist. Jetzt sind wir einen Schritt weiter gekommen, weil eine Stiftung aufgetaucht ist, die die andere Hälfte des Gebäudes beim Ex-Companion abgekauft hat, der wahnsinnigen Ärger mit uns veranstaltet hat. Insofern ist das gesamte Gebäude in der Hand des Pudels und ich bin als Mitarbeiter und Ideengeber auch noch beteiligt. Das ganze Haus wird jetzt neu aufgebaut und nimmt dann um Weihnachten herum seinen Betrieb wieder auf.

Wie stark nimmt dich das Thema „Pudel Club“ in Beschlag?
Das ist ein Lebenskunstwerk. Das Ding gibt es seit über zwanzig Jahren – das hat mich so viel Zeit und Kraft gekostet daran zu arbeiten, dass ich es nur als ein lebenslanges Kunstwerk, an dem ich beteiligt bin, bezeichnen kann, von dem ich mich nicht trennen kann. Wo ich aber auch nicht selber hinter dem Tresen stehe. Ich bin ein Teil einer Gruppe, die versucht diesen unkommerziellen Kunstraum in Hamburg zu erhalten.

Was ist für euren anstehenden Auftritt in Braunschweig geplant?
Ich will da eigentlich gar nicht so konkret werden, weil das Schöne an so einem Abend ist, dass man nicht so genau weiß, was kommt. Wir spielen alte Songs, neue Songs, ein paar, die wir noch nie in Braunschweig gespielt haben. Ich lese Geschichten vor, von denen ich mit 100-prozentiger Sicherheit sagen kann, dass ich die noch nie da gelesen habe – und ein paar alte, die einige vielleicht schon kennen. Es gibt also eine Mixtur aus verschiedenen Materialien, von denen ich behaupten kann, dass sie für den Abend unterhaltend sein werden.

Karten für den Auftritt von Rocko Schamoni und Matthias „Tex“ Strzoda gibt es etwa bei der Konzertkasse. Beginn am 26. August ist um 21:30 Uhr.

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