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„Die Schönheit aller Farben erkennen und Begegnungen zulassen“

I'm Not A Band aus Berlin spielen am Samstag als Headliner bei der TU-Night. Im Interview sprechen sie auch über ihr politisches Engagement.

Sanft bis wuchtig: Der Sound von I'm Not A Band ist ein Brückenschlag zwischen klassischer und elektronischer Musik. Foto: AdP Records / oh.

„Spannendes Wissenschaftsevent und stimmungsvolles Musikfestival“: Unter diesem Motto gibt es am Samstag den 18. Juni bei der „TU-NIGHT“ nicht nur viele Stände, Aktionen und Experimente – sondern auch einige Acts auf den Bühnen zu sehen. Als Headliner mit dabei: I’m Not A Band. Im Interview mit Falk-Martin Drescher sprechen Stephan Jung und Simon Ortmeyer über ihre außergewöhnlichen musikalischen Arrangements, nächste Projekte als auch politische Botschaften.

Stephan, wie kommt man auf die Idee, Geige und Electro zusammenzubringen?
Stephan: Die Idee war gar nicht so kalkuliert, wie man vermuten könnte, sondern sie war eher geboren aus dem Wunsch, Musik in einer Art Band zu machen und dem Umstand, kein Bandinstrument zu spielen. Dadurch kam für mich erstmal nur in Frage, elektronische Musik zu machen. Das allein hätte aber meinem Wunsch nicht so recht entsprochen, sodass ich die Geige, dem Instrument, dass ich nunmal gelernt habe, zu integrieren und sie wie ein Bandinstrument einzusetzen.

Wie habt ihr euch kennengelernt? Wie schnell war klar, dass ihr ein gemeinsames Bandprojekt auf die Beine stellt?
Stephan: Die Bandgeschichte ist ja mittlerweile recht lang. Zunächst ohne größere Ambitionen angefangen hatte ich noch allein, dann gab es die ersten beiden Alben mit einer Sängerin und erst ab dem dritten Album „Oceans“ ist Simon mit dabei. Durch einen gemeinsamen Auftritt von INAB und Simons anderer Band, the Perfect Pineapple, hatten wir uns angefreundet und eine Bandfreundschaft über die Jahre gepflegt. Als ich dann für das dritte Album nach einer Stimme gesucht habe war ich sehr schnell auf Simon gekommen. Wir haben uns kurz getroffen und eine Woche später bei einem Soloauftritt hat Simon bereits den ersten Song live gesungen. Das hat uns beiden so Spaß gemacht, dass danach kein Zweifel mehr Bestand, dass wir beide fortan I’m Not A Band sind. Dementsprechend ist ist dies wirklich ein neues Kapitel für die Band und uns, Oceans fühlte sich vielmehr wie ein erstes Album, als ein Drittes an.

Farbenfroh? Ja bitte! In der Musik von I'm Not A Band steckt auch eine klare politische Botschaft. Foto: Bea / oh.
Farbenfroh? Ja bitte! In der Musik von I’m Not A Band steckt auch eine klare politische Botschaft. Foto: Bea / oh.

Mit dem Song „Colours“ bezieht ihr auch politisch Stellung. Welche Kernaussagen sind euch dabei besonders wichtig? Und: Worauf konzentriert ihr euch in dem Album generell?
Simon: Oceans ist sehr stark geprägt von naturalen Einflüssen und der Verschmelzung von Mensch und Natur, aber im Endeffekt haben sich viele eigene Erlebnisse und Beobachtungen der Welt niedergeschlagen, eben alles, was man so als Musiker in sich aufsaugt an Leben um einen herum. Durch Stephans ehrenamtliches Engagement für Geflüchtete in Berlin Hellersdorf und gegen die dortige Neonaziszene – 2013 hat Stephan den Verein Hellersdorf hilft e.V. mitgegründet und ist dort im Vorstand tätig – ist das Thema Flucht ein zentraler Bestandteil seines Lebens geworden, sodass es ganz natürlich war, dass auf Oceans auch ein solch politisches Thema musikalisch verarbeitet wurde. Es ist sehr wichtig, dass so wichtige Themen Einzug in der Kunst- und Kulturlandschaft erhalten, da es hier eine größere Freiheit gibt, sich kritisch und bewusstseinserweckend mit Missständen auseinanderzusetzen, als es in einer politischen Debatte möglich ist. Die Musik als Teil dieser Landschaft wird davon leider viel zu oft ausgenommen, umso wichtiger war es uns, dass wir das Thema auch in unsere Musik einfließen lassen.

Im Zentrum des Songs, dem Refrain steht der Appell an alle Menschen, die Schönheit aller Farben zu erkennen und Begegnungen zuzulassen. Jede Farbe für sich ist schön und einzigartig, aber die Kraft, die aus ihren Kombinationen hervorgeht ist noch viel größer und größten die Vielfalt aller Farben. Die beiden Strophen stehen einander gegenüber. In ihnen verarbeitet Stephan auf der einen Seite von Rassisten und Neonazis erlebt hat, deren Weltbild noch immer geprägt ist von den Auswüchsen der menschenverachtenden NS-Ideologie ist und die ihr eigenes Versagen und ihre Einsamkeit auf gesellschaftlich schwächer Gestellte schieben und in Gefüchteten einen Sündenbock gefunden haben. In der zweiten Strophe wird dann beleuchtet, wer eigentlich „diese Sündenböcke“ sind, und was diese Menschen an furchtbarem Leid erlebt haben, welch unumkehrbare Schmerz sie erfüllt und welche mehr als existentielle Not ihr Leben bestimmt. Der Song ist also der Versuch, die Augen all derer zu öffnen, die sich in rassistischen Allgemeinplätzen bestätigt fühlen, die blind der hetzerischen Politik von AfD und anderen Demagogen folgen, ohne selbst in die wertvolle Erfahrung von Austausch und Begegnung gekommen zu sein und sich somit selbst zum Außenseiter zu machen, was wiederum das begrenzte Weltbild begünstigt. Aus diesem Grund hat Hellersdorf hilft auch eine Begegnungsstätte im tiefst durch Neonazis geprägt rassistischen Kiez von Hellersdorf eine Begegnungsstätte eröffnet, die von Geflüchteten selbstverwaltet wird und somit zum Austausch auf Augenhöhe mit den anliegenden Bewohner führt und Vorurteile abbaut.

Ihr bezeichnet eure Musik als Alternative Electro Pop. Was grenzt euch von anderen Electro-Pop-Vorhaben ab?
Stephan: Genres sind ja immer problematisch, da sie alle in ihren mehr oder minder strengen Grenzen gefangen sind. So richtig passen wir daher wohl in kein Genre, da wir uns gern der vielfältigen Besonderheiten und Qualitäten verschiedenster Genres bedienen. Es ist auf der einen Seite zum Großteil elektronisch generierte Musik, unsere Songstrukturen sind für elektronische Musik jedoch eher untypisch, da der Fokus auf den Melodien und Harmonien liegt und sodass es bei uns mehr Songs, als patternorientierte Tracks sind. Insofern sind das Einflüsse der Popmusik. Und durch die Geige kommt dann noch ein Element hinzu, dass die Symbiose aus Elektronik und Organischem schafft und der Musik das Besondere und den Alternative-Character verleiht. Nach einem Konzert kam mal ein Fan zu uns und machte uns das Kompliment, dass seiner Meinung nach keine andere Band es so sehr schaffe, Melancholie tanzbar zu machen – das hat uns sehr gut gefallen.

Eure Musik passt in den Club, auf Festivals – und sicherlich auch in Theaterformen. In welchem Rahmen spielt ihr am liebsten?
Simon: Für jeden Künstler ist es überwältigend, wenn man vor tausenden Menschen auf Festivals spielt, diese homegene Masse hat eine unglaubliche Kraft und es kann einen in einen regelrechten Rauschzustand versetzen. Im Club ist der Kontext ein komplett anderer, insofern passt zwar unsere Musik gut dahin, der Auftritt als solcher ist dafür aber nicht zwingend erforderlich. Daher bevorzugen wir dann außerhalb der Festivalsaison reine Konzerte. Hier steht der Auftritt im Vordergrund und man hat einen direkten Kontakt und die Interaktion mit dem Publikum. Außerdem schmeichelt es einem bei jedem einzelnen Konzertbesucher, dass sie gezielt zu deinem Konzert gekommen sind – das wissen wir sehr zu schätzen.

„Oceans“ erschien Anfang 2015…an welchen Projekten arbeitet ihr aktuell?
Tatsächlich ist für uns schon ein neuer Abschnitt eingeleitet und wir arbeiten gerade intensiv an einem neuen Album. Die Kreativphase ist hier bereits fast abgeschlossen und wir freuen uns sehr darauf, einen Großteil der neuen Songs in Braunschweig erstmals präsentieren zu können und sind schon ganz gespannt auf die Reaktionen.

Der Eintritt zu allen Konzerten ist frei. Eine Übersicht über die Gigs gibt es auf tu-braunschweig.de – Details zur Band auf facebook.com/imnotaband.

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