Curse: Du träumst wie ich

Künstler gastiert als Headliner bei der "It's all good"-Konzertreihe.

Seine Hits aus "Feuerwasser", Von Innen nach Außen" & Co. hat er im Gepäck: Die Initiatoren von It's all good haben Curse als Gast bei ihrer Veranstaltungsreihe bestätigt. Foto: Veranstalter / oh.

Mit dem gebürtigen Braunschweiger ist er schon lange verbunden, nun legt der alte Hase der deutschsprachigen Rapszene auch einen Halt in eben jener Stadt ein: Am 7. Oktober tritt Curse bei „It’s all good“ in der Walhalla auf!

Vor über fünf Jahren war Curse – genau zehn Jahre nach seinem Debütalbum „Feuerwasser“– auf der Suche nach Glück und Erfüllung einfach von der Bühne getreten. Ein überraschender Schritt. Das Korsett, das öffentliche Bild von „Curse“ war für Michael Kurth – so heißt der Musiker mit bürgerlichem Namen – zu statisch geworden. Er hatte das Gefühl, in Erwartungen festzustecken und gleichzeitig seiner Rolle nicht mehr gerecht werden zu können. Einer teils selbstgeschaffenen und teils auferlegten Rolle in einer Szene, in der Curse seit jeher eine Ausnahmeerscheinung war. Zu einer Zeit, als der deutsche Hip-Hop aus seinen Zentren Stuttgart und Hamburg dominiert wurde, machte Kurth seine ganz eigene Musik aus der ostwestfälischen Provinz in Minden. Er ließ sich nicht vereinnahmen, brach mit Gesetzmäßigkeiten und verschwieg in seinem Werk vor allem die Schattenseiten des Lebens nicht: Verschmähte Liebe, Perspektivlosigkeit, Rastlosigkeit und eine Suche nach Sinn, die ihn letztlich auch zum vorläufigen Abschied führte. Kurth, mit oder ohne Curse, macht lieber einen entschlossenen Schritt als viele halbherzige. Alles auf Anfang und wenn es sein muss, alles anders: Er macht eine Ausbildung zum Systemischen Coach, macht Grenzerfahrungen in Indien und auf dem Meditationskissen und spielt mit der Band „The Achtung Achtung“ Musik, die völlig anders klingt als das, was man von Curse erwartet.

Während Kurth nicht als Curse veröffentlicht, schreibt er als Texter und Songwriter für ein breites Spektrum anderer Künstler, kuratiert seine wöchentliche Radioshow beim Sender 1Live und arbeitet mit Produzenten und Musikern unterschiedlichster Couleur. Inspiriert vom Musikmachen an sich, beginnt er, einen Sound zu entwerfen – einen, der zum ersten Mal wirklich „er“ ist. Kein klassisches Beats-picken, keine vorgefertigten Instrumentals, sondern eine Gesamtklangwelt vom ersten Ton an. Es ist der Ausgangspunkt für „Uns“.

„Uns“: Eine Rückkehr der besonderen Art

Gemeinsam mit dem Schweizer Produzenten Claud, aus dessen Feder bereits Curse-Songs wie „Herbstwind“, „Heilung“ und „Freiheit“ stammten, und dem Berliner Produzentenkollektiv Beatgees (mit dem er u.a. für die Alben von Chima und LARY zusammengearbeitet hatte) zieht er sich zurück. Hinter verschlossener Tür entwerfen sie den Sound für „Uns“: Upright Pianos („Herz Zurück“), ausgedehnte, filigrane Flächen („Erst Seit Ich Da Bin“), extrem reduzierte Momente („Kristallklarer Februar“) und epische, brachiale Drums und Chorusarrangements („Tatooine“). Fast sechs Monate lang machen Curse und sein Team nur Musik. Instrumental. Ohne Texte, ohne Worte. „Der schwierigste Moment der gesamten Produktion war, als ich gemerkt habe, dass ich langsam keine Ausreden mehr dafür hatte, warum ich nicht schreibe“, erinnert sich Curse amüsiert. Aber was erzählt jemand, der einst auf dem Höhepunkt seines Schaffens abgetreten war? Jemand, der mittlerweile ausgeglichener, erfüllter ist? Jemand, der mit Mitte 30 tatsächlich doch ein wenig erwachsen geworden ist. Was erzählt also jemand, der morgens aufsteht, um seinem Sohn Frühstück zu machen und ihn zur Schule zu fahren? Er setzt sich hin, findet sich selbst vielleicht gar nicht mehr so wichtig wie früher, und erzählt zuerst einmal eine Geschichte, die er all die Jahre mit sich herumgetragen hat. Eine Geschichte, die raus muss. Eine, die sich von alleine erzählt. Eine Geschichte, die ohne Fiktion auskommt. Es ist schon alles da: Trauer, Hilflosigkeit, Hoffnung, Tatsachen. Mit dem Song „Kristallklarer Februar/Für P.“ beschreibt Curse das letzte Zusammentreffen mit seinem Freund Patrick Ahrend, der zuvor den Curse-Klassiker „Und Was Ist Jetzt“ komponierte – und dessen Beerdigung 14 Tage später. Curse schildert diese zwei Momente klar, ruhig und ohne Make-up. Der Matsch auf dem Weg zum Friedhof klebt an seinen Schuhen, der Kreis der Freunde steht deplatziert in der Kapelle, so wie die „knallbunten Blumen“, die man Patrick drapiert hat. Über allem schwebt die Frage: „Wieviel Ehre hat die letzte Ehre, wenn man sich wünscht, dass man vorher dagewesen wäre?“

Der erste geschriebene Text nach Jahren löst den gordischen Knoten für die elf weiteren auf „Uns“ und prägt deren Ton. Es geht Curse darum, zu essenzieren. Die Hauptarbeit beim Texten von „Uns“ liegt darin, Überflüssiges herauszusieben. Eine Herkulesaufgabe für Curse: „Ich habe mir vorgenommen, mich immer für die einfachen Worte statt für die großen zu entscheiden. Manchmal sage ich in vier Takten nur sechs Worte. Das war der Anspruch.“ Curse kreist auf „Uns“ nicht mehr nur um sich selbst. Mit Songs wie „Erst seit ich da bin“ bietet sich dem Hörer durch klare, wenige Worte und eine ausgedehnte musikalische Welt die Möglichkeit, seinen ganz eigenen Platz zu finden. Die Perspektive ist klein, und genau deshalb kann sie so entgrenzend wirken. Ist nicht gerade der Alltag die große Welt, weil wir sie anders gar nicht kennenlernen? Wir „Menschen“, die Curse im gleichnamigen, wachtraumhaften Song in Fehlbarkeit, Verletzlichkeit, ihrem Egoismus und ihrem Stolz darstellt, die sich und anderen durch übermenschliche Ansprüche das Leben so schwermachen. Weil wir uns so selten als Menschen mit all unseren Schwächen wahrnehmen. Weil wir Rollen spielen und Rollen ausfüllen wollen. Vielleicht weil wir permanent Erwartungen stellen und gleichzeitig welche erfüllen müssen.

„Uns“ ist eine emotionale Achterbahnfahrt. „Uns“ ist archaisch, rhythmusgetrieben und im besten Wortsinn bodenständig. Es ist extrem delikat, sensitiv und berührbar. Es ist klar und in Momenten schonungslos direkt. Es ist persönlich ohne Egozentriertheit. Und es ist versöhnlich: „Uns“ ist die Essenz, und vielleicht der Höhepunkt dessen, was die Musik von Curse schon immer in ihrem Kern ausgemacht hat. Ende 2015, 15 Jahre nach seinem Debüt „Feuerwasser“, veröffentlicht Curse das inzwischen nicht mehr erhältliche Erstlingswerk noch einmal, komplett überarbeitet von Busy, der auch schon damals für den Sound verantwortlich war. Parallel geht es auf „Feuerwasser15“ Tour, eine Tour, auf der das komplette Album live vorgetragen wurde.

Nächste Projekte im Blick

Jetzt, in 2016, wird wieder Energie getankt, wird der Kopf auf ein Neues befreit, damit Ideen wachsen und reifen können. Vereinzelt wird man Curse live erleben können, noch einmal die pure Energie aus 15 Jahren Musik spüren können, bevor es dann Zeit wird, über weitere Projekte zu entscheiden. Zu den ausgewählten Auftrittsorten zählt nun auch die Löwenstadt: Curse wird am 7. Oktober bei „It’s all good“ in der Walhalla gastieren. Ebenfalls auf der Bühne: Der Braunschweiger Rapper True. DJ-Support gibt es von DJ Amigo und den Initiatoren der Reihe, DJ Fourteen und Kid Kapone.

Karten gibt es ab dem 4. August für 18 Euro bei Boardjunkies (Ziegenmarkt 6), an der Abendkasse wird es ein Restkontingent für 22 Euro geben. Beginn am Abend ist um 21 Uhr, weitere Details sind bei Facebook zu finden.

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