9. November 2021
Gastro-Tipps

Die Bar hinter einer geheimen Tür: Das „Hide & Seek“ in Braunschweig

Michael Grazé hat sich mit dem „Hide & Seek“ in Braunschweig den Traum von einer eigenen Bar erfüllt. Er folgt der Tradition der „Speakeasys“.

Vor allem die Cocktails sind in der Braunschweiger Bar beliebt. Foto: Privat

Vor allem die Cocktails sind in der Braunschweiger Bar beliebt. Foto: Privat

In der Zeit der Prohibition war der Alkoholkonsum in den USA von 1920 bis 1933 verboten. Aber es fanden sich Nischen. Kriminelle Banden betrieben illegale Kneipen oder Clubs. In den sogenannten „Speak-easys“ durfte nur leise gesprochen werden, damit Passanten sie nicht bemerkten. Michael Grazé hat dieses sozialgeschichtliche Kapitel so fasziniert, dass er seine eigene Bar, eine „Flüsterbar“, eröffnete. Für das „Hide & Seek“ am Braunschweiger Altstadtmarkt ließ er weder Flyer drucken, noch schaltete er Werbeanzeigen. Stattdessen erschwerte er potenziellen Gästen den Eintritt sogar noch durch eine Geheimtür.

Die Cocktailbar „Hide & Seek“ in Braunschweig betreten Gäste über eine als Bücherregal getarnte Geheimtür. Foto: Henning Thobaben
Die Cocktailbar „Hide & Seek“ in Braunschweig betreten Gäste über eine als Bücherregal getarnte Geheimtür. Foto: Henning Thobaben

„Es gibt Leute, die hier schon dreimal ums Haus gelaufen sind und nicht wussten, wo es reingeht“, erzählt Grazé gelassen. Um sein Geschäftsmodell machte sich der 39-Jährige nie Sorgen. Der Reiz des Geheimnisvollen werde schon dafür sorgen, dass ihn genug Gäste finden, dachte er – und sollte Recht behalten. In den sozialen Netzwerken erzählt sich die Geschichte von der versteckten Bar stetig weiter.

Eine Bar mit 25 Rum-Cocktails

Wie man sie betritt, soll an dieser Stelle nicht komplett verraten werden. Nur so viel: An einem Bücherregal, für das Grazé ein Antiquariat einst um rund 80 Wälzer erleichterte, sollten sich die Gäste in Kombination mit einem Hinweis auf der Website der Bar einmal ganz genau umsehen. Ein wenig Literaturerfahrung ist ebenfalls hilfreich.

Doch weil eine kreative Idee allein noch keinen erfolgreichen Laden macht, entwickelte Michael Grazé auch ein besonderes gastronomisches Konzept. Auf der Karte finden sich mittlerweile 25 Cocktails, die allesamt eine alkoholische Basis haben: Rum. „Mit dem Gin-Hype konnte ich nie wirklich viel anfangen. Rum aber ist eine Spirituose, die bei mir Bilder von Sonne, Strand und Karibik weckt“, sagt der gebürtige Düsseldorfer. Er verbinde das Destillat mit Wärme – anders als etwa Wodka oder Whiskey, das schon rein geografisch mit eher kühleren Regionen auf der Erde assoziiert wird.

Grazé besuchte Plantagen und Destillerien in der Karibik

Ab dem Kauf seiner ersten Rum-Flasche vor rund sieben Jahren entwickelte sich Grazé in den Folgejahren zu einem immer größeren Experten für die Zuckerrohr-Spezialität. Eine Reise im Jahr 2018 trug dazu bei. Sechs Wochen am Stück machte der Bar-Besitzer damals auf mehreren Karibik-Inseln Urlaub. Streng genommen war es aber eher ein Bildungsaufenthalt.

„Ich habe mir überall Plantagen und Destillerien angesehen“, erzählt Grazé, der seitdem umso mehr den Inhalt einer Flasche zu schätzen weiß. „Teilweise wird das Zuckerrohr dort noch per Hand mit der Machete geschlagen. Der Saft blubbert in großen Bottichen vor sich hin“, erinnert sich der Rum-Liebhaber an seinen aufregenden Trip. Beim Spaziergang über die Anlagen habe ihn nie jemand gefragt, was er dort eigentlich zu suchen habe. Vielmehr hätten ihn die Einheimischen oft mit einem freundlichen „Hallo, wie geht’s?“ gegrüßt.

Cocktails als Aquarelle

Michael Grazé in seiner Bar „Hide & Seek“ in Braunschweig. Foto: Henning Thobaben
Michael Grazé in seiner Bar „Hide & Seek“ in Braunschweig. Foto: Henning Thobaben

Am liebsten hätte Grazé gleich etliche Flaschen Rum mit nach Hause genommen, was aber nicht erlaubt war. Aber auch so ist seine private Sammlung kräftig gewachsen. In seiner Bar hat er rund 70 Sorten stehen – und zwar nur gute. „Die Herausforderung ist, die einzelnen Aromen der Spirituose zu riechen und zu erschmecken“, sagt er. Manche Gäste lassen sich auf den puren Genuss des Getränks ein. Für sie bietet Grazé auf der Karte gleich noch edle Schokoladen an, die sich gut mit dem Getränk kombinieren lassen.

Der Großteil der Besucher jedoch entscheidet sich für einen der rumhaltigen Cocktails, die auf der Karte des „Hide & Seek“ auch optisch in Szene gesetzt wurden. In einem edlen Ledereinband werden die Kreationen in Form von Aquarellen visualisiert. „Die Mutter eines Freundes hat die Bilder gemalt, anschließend wurden sie digitalisiert und von einer Freundin aufbereitet. Viele Menschen wollen sich vor der Bestellung ein Bild machen“, begründet Grazé die exklusive Gestaltungsvariante.

Grazé arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Gastronomie

Bei aller Auswahl: Am beliebtesten sind immer noch die Klassiker, allen voran Caipirinha und Mojito. Doch Cocktail ist nicht gleich Cocktail. „Viele sagen, dass sie beide ja schon kennen würden. Dann sage ich: Probiert, und ihr werdet den Unterschied schmecken“, erzählt Grazé, der die Getränke als Gast in anderen Bars gerne als Test bestellt. Überzeugt ihn der Drink, ordert er gerne einen weiteren. Fällt er durch, wird die Bar gewechselt.

Der 39-Jährige weiß aus eigenem Erleben seit mehr als 20 Jahren, wie Gastronomie geht. Schon mit 17 verdiente er sich sein erstes Geld dazu, anfangs noch als Gläsersammler. Mit seiner Familie lebte er damals in Heidelberg. Die Liebe zu der Stadt wurde so groß, dass Grazé dort auch nicht wegzog, als ihn ein Job 2010 nach Braunschweig verschlug. Als Unternehmensberater betreute er VW Financial Services und pendelte die ersten fünf Jahre zwischen der Uni-Stadt am Neckar und unserer Region.

Reservierungen sind sinnvoll

Auch als sich Grazé in seinem Beruf später selbstständig machte, konnte er dem Reiz der Gastronomie nie widerstehen. Er jobbte in Braunschweig im Fuchs Blau, im Dean’s und auf dem Soldekk. „Ich bin eher ein ruhiger Typ. Wenn ich aber hinter dem Tresen stehe, komme ich immer sofort aus mir heraus“, erzählt der studierte Wirtschaftswissenschaftler. Ein Ziel hatte er durchgehend vor Augen: mit Ende 30 einen eigenen Laden führen. Seit der Eröffnung im Juni vergangenen Jahres machten ihm zwar die Pandemie und ein Wasserschaden mit siebenmonatiger Reparaturzeit das Leben schwer. Doch als Grazé das „Hide & Seek“ Ende vergangener Woche wiedereröffnete, war er wieder voll in seinem Element.

Die Tür jedoch müssen die Besucher weiter ganz alleine aufspüren. Und reservieren sollten sie vorher auch – coronabedingt finden in der kleinen Bar derzeit nur die Hälfte der sonst üblichen 30 Personen Platz. Wer einmal drin ist, darf sich auf eine gemütliche Atmosphäre mit edlen Getränken freuen. Anders als damals in den Vereinigten Staaten ist der Genuss der Cocktails nicht illegal. Und geheimnisvoll geflüstert wird im „Hide & Seek“ höchstens bei intimen Dates.

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