18. September 2018
Szene-News

20 Jahre Schwanensee – ein Interview mit Geschäftsführer Christian Lemke

„Das ist ein Teil meines Herzens“

Wenn ich, beispielsweise zusammen mit Herbie auf dem DJ-Pult stehe und merke: Der ganze Laden bebt. Alle singen mit, es wird gefeiert, die Leute liegen sich in den Armen, teilweise wird sich vor Freude sogar ausgezogen. Wenn der Laden vibriert und alle gute Stimmung haben, die Mädels hinter der Theke tanzen und alle ein Lächeln im Gesicht haben. Da merkt man, wie besonders das hier ist – das habe ich in anderen Läden noch nicht so erlebt. Das sind die Abende an denen ich mir denke: „Ey, geil, dafür mache ich den ganzen Scheiß“.

Wie haben sich die Leute und das Ausgehverhalten in den vergangenen Jahren verändert?

Zum einen muss man sagen, dass der Freitag als Ausgehtag schwieriger geworden ist. Das ist kein klassischer Weggehtag mehr – die Leute gehen nur noch gezielt zu Veranstaltungen, die sie wirklich ansprechen. Es gibt nicht mehr diese Partygänger, die wirklich beide Tage am Wochenende auf Achse sind. Das hat bestimmt auch mit den sozialen Netzwerken zu tun: Wenn man früher ein Mädel kennenlernen wollte, musste man in den Club gehen.

Die neuen Sitzecken können für Geburtstage oder andere Events gemietet werden. Foto: Paul Grumer
Die neuen Sitzecken können für Geburtstage oder andere Events gemietet werden. Foto: Paul Grumer

Gibt es auch mehr Stress mit den Gästen?

Generell hat man, insbesondere bei jungen Leuten, viel mit Respektlosigkeit, Vandalismus und Ähnlichem zu kämpfen – der Laden wird jede Woche wieder auseinandergenommen. Tatsächlich habe ich Fälle erlebt, wo bereits 16-Jährige unsere Türsteher beschimpft und beleidigt haben – und ich habe wirklich gestandene Männer, die so aussehen, als sollte man sich am besten nicht mit denen anlegen.

Wie geht ihr damit um?

Das ist ganz schwierig, insbesondere durch das neue Niedersächsische Anti-Diskriminierungsgesetz. Das öffnet Tür und Tor für Leute, die wir wegen ihres Auftretens, ihrem aggressiven Verhalten oder dem Alkoholisierungsgrad abweisen möchten – da kommt es jetzt immer wieder vor, dass diese uns anzeigen oder verklagen können, aufgrund ihrer ethnischen Herkunft. Früher hatte man das uneingeschränkte Hausrecht und konnte sich die Gäste aussuchen, heute werden wir vom Staat ein bisschen bevormundet.

„Man gibt auch ein Stück weit Heimat“

Fühlt ihr euch da auch nicht richtig ernst genommen von der Stadt?

Ja, auf jeden Fall. Die Stadt ist in vielerlei Hinsicht sehr weltfremd. Tim hat schon mehrfach die zuständigen Leute vom Ordnungsamt eingeladen, mal einen Abend mit uns an der Tür zu verbringen und sich anzuhören, was wir teilweise über uns ergehen lassen müssen. Das hat aber bislang nie jemand wahrgenommen.

Hat ein Klub auch eine soziale Aufgabe?

Absolut. Zum einen kommen die Kids natürlich von der Straße. Zum anderen kommen die Leute hier her und fühlen sich aufgenommen und geborgen – da gibt man auch ein Stück weit Heimat und ein Zugehörigkeitsgefühl. Das macht auch das Schwanensee aus: Wir haben eine sehr starke Bindung zu unseren Gästen und umgekehrt genauso.

Stichwort Netflix und Co.: Bleiben junge Leute heute lieber Zuhause auf dem Sofa anstatt im Klub zu feiern?

Nicht nur Netflix hat da einen Einfluss. Viele sind heute viel bewusster in Hinblick auf Ernährung und Sport – insbesondere jüngere Leute. Die sind nicht mehr so auf Feiern aus wie frühere Generationen. Wir hatten früher jedes Wochenende Bock auf Party. Aber ich glaube nach wie vor daran, dass die Leute am Wochenende einen Ort brauchen, wo sie mal die Seele baumeln lassen und abschalten können. Das wird nicht aussterben, sonst hätte ich hier auch nicht so viel in den Umbau reingesteckt.

„Auf die neue Tanzfläche könnte man einen Motorblock fallen lassen, die hält das aus.“ Foto: Paul Grumer
„Auf die neue Tanzfläche könnte man einen Motorblock fallen lassen, die hält das aus.“ Foto: Paul Grumer

Der Trend geht wieder hin zu kleineren Locations?

Ja. Man sieht auch an der Konkurrenz in Braunschweig, dass es immer schwerer ist, eine Großraumdisko voll zu kriegen. Die Massen sind einfach nicht mehr da.

Wie würdest du das Braunschweiger Nachtleben aktuell beschreiben?

Das ist schon vielfältig, man kriegt eine Menge geboten. Bei der großen Uni, wundert es mich manchmal, wo die ganzen Studenten sind. Aber ich finde schon, dass eigentlich für jeden etwas dabei ist: Es gibt das „Brain“ für elektronische Musik, für die älteren Leute ist das „Flamingo Rosso“ sehr interessant. Für die Leute, die gerne hart feiern, ist das Schwanensee der erste Anlaufpunkt – für jedes Genre gibt es einen Laden, da ist für jeden was dabei.

Wie lange habt ihr umgebaut und was habt ihr konkret verändert?

Der Umbau hat acht Wochen gedauert. Wir haben den Laden komplett entkernt – die Rigipswände und die alten Aufbauten haben wir rausgeholt und Stück für Stück neu aufgebaut. Wir haben neues Equipment besorgt und die Lichttechnik und Anlage in das 21. Jahrhundert geholt. Ganz wichtig waren uns die großen Sitzecken, weil da immer eine große Nachfrage besteht, die für Geburtstage oder Junggesellenabschiede zu mieten. Außerdem haben wir die Fußböden neu gemacht und die Bäder renoviert. Wir haben versucht, eine Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu bauen. Man soll natürlich noch erkennen, dass das hier das Schwanensee ist, es ist aber inzwischen erwachsen geworden.

Das Schwanensee wurde mit einer neuen Lichtanlage ausgestattet. Foto: Paul Grumer
Das Schwanensee wurde mit einer neuen Lichtanlage ausgestattet. Foto: Paul Grumer

„Das hier ist ein Teil meines Herzens“

Wie viele Leute arbeiten aktuell im Schwanensee?

Ich habe 15 Mädels und vier Jungs, die Gläser sammeln und die Kühlschränke auffüllen. Dann habe ich zwei Leute, die abwechselnd an der Garderode sitzen und immer acht bis zehn Türsteher. An einem Abend arbeiten hier so zehn bis zwölf Leute – das ist ganz ordentlich für einen kleinen, 80-Quadratmeter-Club.

Was bedeutet das Schwanensee für dich persönlich?

Das ist ein großer Teil meines Lebens. Ich habe meine Jugend und einen Großteil meines Beruflebens hier verbracht. Ich habe meine Frau hier kennengelernt und gute Freunde gefunden. Habe viel über das Leben gelernt – wenn die Leute am Wochenende feiern, liegt ihnen das Herz auf der Zunge und man erkennt viel mehr über sie, als wenn man sie im Kaufhaus trifft oder so (lacht). Ja, das ist ein Teil meines Herzens hier.

Wie gehst du damit um, dass die Leute dir viel erzählen, vielleicht auch ganz persönliche Sachen?

Ich weiß das zu schätzen und finde das gut. Auch das gehört dazu, ein guter Gastgeber zu sein: Man ist eben für viele auch Ansprechpartner und Beichtvater. Man ist da für die Menschen, man kümmert sich und nimmt das auch auf – ich weiß es zu schätzen, dass die Leute mir vertrauen.

Trink- und Treffpunkt: Die neue Theke. Foto: Jaquelin Ohk
Trink- und Treffpunkt: Die neue Theke. Foto: Jaquelin Ohk

Hättest du gerne in einer anderen Zeit gelebt und gefeiert?

Musikalisch bin ich sehr stark in den 80er Jahren behaftet, das liebe ich. Und ich glaube, dass es damals – ohne Internet – noch mehr Spaß gemacht hat. In der Zeit hätte ich gerne einen Club gehabt, das stelle ich mir geil vor.

Was hast du für Pläne für die Zukunft?

Erst einmal hoffe ich natürlich, dass das hier gut angenommen wird und ich hier eine solide Basis für meine Selbstständigkeit habe. Ich möchte weiterhin mit Tim an Projekten arbeiten – wir würden zum Beispiel gerne das „Pantone“ wieder zum Leben erwecken. Da sind wir gerade in der Planungsphase und haben vielleicht schon eine geeignete Location gefunden. Ich möchte in der Gastronomie und dem Nachtleben weiter erfolgreich bleiben – und das für eine sehr lange Zeit.

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