„Braunschweig hat mich nicht vergessen“

Der Brauschweiger Rap-Pionier und Freestyle-Spezialist MC Rene spricht über sein Leben. Samstag ist er live in der Walhalla-Skatehalle zu erleben.

Rapper MC Rene schlug sich auch als Supermarkt-Interviewer, Call-Center-Telefonist oder als Porno-Synchronsprecher durch. Foto: Falk-Martin Drescher

Der deutsch-marokkanische Rapper und Stand-up-Comedian René El Khazraje alias MC Rene hat die deutsche Hip-Hop-Szene in den 90er Jahren maßgeblich geprägt. Aufgewachsen in Braunschweig machte er sich über die Jahre auf ausgedehnte Reisen, die ihn mit seinem siebten Album „Khazraje“ nun auch zu sich selbst geführt hat. Am Samstag, 18. Februar, 20 Uhr, ist er zusammen mit Retrogott & Hulk Hodn, den Verrückten Hunden sowie den DJs Amigo und Chems live in der Walhalla-Skatehalle zu erleben. Am 29. April tritt er zudem im Rahmen von Pop meets Classic in der Volkswagen Halle auf. Wir sprachen vorab mit dem 40-Jährigen.

Rene, „Mein Leben ist ein Freestyle“ heißt einer deiner Songs. Wie würdest du deine Karriere im Schnelldurchlauf beschreiben?
Ich wurde im Krankenhaus an der Celler Straße geboren. Mit vier Jahren bin ich barfuß durch den Schnee bis in die Weststadt gelaufen. Ich war erst auf der Ilmenau Schule dann auf der IGS. Meine Jugend bestand aus Basketball, Michael Jackson, Hip-Hop und Schülerferientickets. Mit 15 Jahren habe ich meine erste Tonaufnahme als Teil der Braunschweiger Crew State of Departmentz auf dem zweiten deutschen Hip-Hop-Sampler „Thats real Underground“ gemacht. Das Abi habe ich abgebrochen, um mit Fettes Brot auf Tour zu gehen.

Danach hast du Braunschweig verlassen und bist nach Köln gezogen?
Ja, dort hatte ich meine erste eigene Wohnung, war auf den ersten Partys, habe meine ersten Joints durchgezogen. Durch Freestyle-Sessions wurde das Label MZEE Records auf mich aufmerksam – und hat mich abgezogen. Ich war dann erst mal voll broke, hatte keine Kohle und no future. Ich habe dann in einem Supermarkt als Interviewer gejobbt und die Hoffnung nicht aufgegeben. Irgendwann habe ich dann DJ Tomekk getroffen – und war zwei Monate später bei einem Videodreh in New York mit Flavour Flav von Public Enemy. Der Song „1, 2, 3 Rhymes Galore“, auf dem auch Grandmaster Flash, Afrob und Jazzy Jeff zu hören sind, war im Jahr 2001 danach wochenlang in den Top Ten der deutschen Charts. Außerdem war ich zu dieser Zeit auch Moderator des Hip-Hop-Magazins „Mixery Raw Deluxe“ bei Viva und hatte Highlife ohne Ende.

Hört sich nach viel Auf und Ab an?
Ich war wie ein Jugendlicher in einer Erwachsenenwelt. Durch meine eigene Naivität und falsche Manager wurde ich von der Hip-Hop-Szene verstoßen und weggemobbt. Ich bin quasi über Nacht wieder abgestürzt, war wieder mal am Boden, ohne Geld und Zukunft. Einmal Star und wieder zurück. Es kam erneut eine lange Durststrecke. Ich habe mein Erspartes aufgebraucht und bin im Jahr 2008 als Endstation in einem Call Center in Berlin gelandet. Aus René El Khazraje wurde der Schein-Bürgerliche Stefan Eckert. 2010 kam der Befreiungsschlag und ich sah wieder Licht am Ende des Tunnels. Ich habe meine Wohnung gekündigt und mein Hab und Gut verschenkt. Stattdessen wurde ich Bahncard-100-Kunde und Stand-up-Comedian. Auf vielen deutschen Kleinkunstbühnen bin ich für 30 Euro am Abend und eine warme Mahlzeit aufgetreten. Dann kam der Buchvertrag bei Rowohlt. Über 100 Rap-Lesungen über meine eigenen Fehler brachten den Erfolg und den Schuster wieder zurück zu seinen Leisten. Aus Stefan Eckert wurde in Marokko bei seinen Verwandten wieder René El Khazraje und schlussendlich wieder MC Rene. Bäm!

Dein neues, siebtes Album „Khazraje“, das mit deinen Nachnamen betitelt ist, ist dein persönlichstes Album? Welchen Stellenwert hat es in deinem Werdegang?
Mit „Khazraje“ hat sich für mich ein Kreis geschlossen, der sehr lange offen war. Dieses Album ist meine homogenste Platte. Sie ist am meisten aus einem Guss. Natürlich gibt es persönliche Stücke motiviert durch das erste Zusammentreffen mit meinen Verwandten aus Marokko, aber es ist eher ein Grundgefühl, das ich hier vermittel. Eine Stimmung, ein positives Lebensgefühl. Thematisch geht es um das Angekommen, das Finden und Akzeptieren der eigenen Identität. Wir sind eher intuitiv an die Produktion rangegangen. Marokko war unsere Kulisse. Natürlich konnte ich meine persönlichen Erfahrungen mit einfließen lassen, ohne dabei zu privat zu sein. Mit „Khazraje“ hab ich mich als MC weiterentwickelt und bin mir gleichzeitig treu geblieben. Vielleicht ist es auch das Album, was sich viele nach der „Renevolution“ 1995 von mir gewünscht hätten.

Welchen Einfluss hatte Produzent Figub Brazlevic?
Sehr großen, da er auch bei den Texten mein Dialogpartner war, und wir Hand in Hand musikalisch sowie textlich an dem Album gearbeitet haben. Figub hat es geschafft, die verschiedenen Nuancen meiner Stimmfarbe auf seine Beats zu bringen, mich zu triggern, wenn es notwendig war, mich aber auch einfach machen zu lassen. Figub ist einfach ein genialer Hip-Hop-Producer mit einem eigenen Sound.

Du hast 2012 „Alles auf eine Karte“ gesetzt und bist mit dem Zug als „Bahn-Nomade“ durch Deutschland gereist? Wie hat dich das Reisen verändert?
Die vier Jahre allein im Zug haben mich am Ende geerdet und aus einem rastlosen Typen einen Familienmenschen gemacht. Die wichtigste Erkenntnis war die Antwort auf die Frage „ Warum stehe ich da, wo ich bin?“ Sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Die Konfrontation mit dem eigenen Scheitern, aber auch mit dem Stolzsein, auf das, was ich in meinem Leben erreichen konnte. Das hat mich stärker und zuversichtlicher für die eigene Zukunft gemacht. Das extremste Erlebnis war, dass ich eine zeitlang als Porno-Synchronsprecher gearbeitet habe, um meine Fixkosten zu decken. Eine sehr interessante und bereichernde Erfahrung. Ich sage nur: „Bauer sucht Sau.“

2016 war ein gutes Jahr für die deutsche Rap-Szene mit vielen erfolgreichen Alben. Wie lief es für dich?
Für mich war es ein rund um positives Jahr. Ich durfte endlich meine Roots in Marokko kennenlernen und konnte ein souveränes, ehrliches und frisches Rap Album veröffentlichen. Das hat gezeigt, dass ich mich trotz aller Widrigkeiten in meinem Leben nie habe herunterziehen lassen. Ich brauche nicht mehr darüber nachzudenken, welche Stellung ich in einer Szene habe, denn was ich mache, steht für sich und jeder ist frei, darüber zu urteilen. Ich bin dankbar, dass ich mit Leuten wie Retrogott, Toni L und Figub Brazlevic zusammenarbeiten kann und mich keinem Trend anbiedere, nur um für die Masse relevant zu sein.

Wie schwer ist es für Dich in Zeiten fortschreitender Digitalisierung, dein Geld zu verdienen?
Die Beteiligung der Künstler bei Spotify und Co sind auf jeden Fall sehr winzig. Zudem reduzieren sich die MP3- oder CD-Verkäufe, da sehr viele Leute nur noch Musik streamen, statt Geld für eine MP3 oder CD zu investieren. Das ist erstens bequemer und zweitens billiger. Am Ende verdienen Spotify und iTunes, wie einst die großen Major Labels, die nach dem Motto „Kleinvieh macht auch Mist“ arbeiten. Die Künstler, die eigentlich den Content produzieren, bekommen aber nur den kleinsten Teil des Kuchens ab. Die meisten Künstler leben vom Livegeschäft und Merchandise, den sie auf ihren Tourneen verkaufen. Die Vinyl-Verkäufe sind bei mir definitiv gestiegen. Wir verkaufen mehr Vinyl als CDs. Die echten Fans verstehen, dass die Musik keine Massenware ist, wie McDonalds-Essen, sondern etwas Besonderes und Wertvolles. Das sollte auch immer seinen fairen Preis haben.

Mit welchen Gefühlen und Gedanken kehrst Du immer mal wieder nach Braunschweig zurück?
In Braunschweig hat alles für mich angefangen. Hier bin ich geboren, aufgewachsen und habe meine ersten Schritte und Erfahrungen gemacht. Gerade seit meinem letzten Konzert Ende 2015 in der Walhalla hab ich wieder richtig gemerkt, dass die Leute mich hier nicht vergessen haben und immer zu mir stehen. Das bedeutet mir unglaublich viel. Vor allem nach all dem Auf und Ab. Ich bin wie der verlorene Sohn, der immer wieder zurück nach Braunschweig kommt und zeigt, dass er seine alte Heimat nicht vergessen hat.

Kurzprofil der Location im Artikel

Böcklerstr. 30
38102 Braunschweig
DE-Niedersachsen
Öffnungszeiten:
Mo - Do: 16:00 - 21:00 Fr - Sa: 14:00 - 22:00 So: 14:00 - 21:00

Kategorie: Diverses, Veranstaltungszentrum
Kategorie:CheckOut, Topstories





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