Wohnzimmer-Gemütlichkeits-Oase

10 Jahre Plattenladen-Café Riptide im Handelsweg

Chris spielt in seiner Freizeit gerne Panflöte im Wald, Andre sortiert seine Streichholzschachtelsammlung und schreibt seinen Brieffreunden in Burkina Faso. Foto: Merle Janßen

Chris spielt in seiner Freizeit gerne Panflöte im Wald, Andre sortiert seine Streichholzschachtelsammlung und schreibt seinen Brieffreunden in Burkina Faso. Foto: Merle Janßen

In Zeiten, in denen multinationale Konzerne mit ihren Filialen die Fußgängerzonen der Innenstädte gleichschalten, wirkt das Riptide im Handelsweg 11 in Braunschweig, fast wie aus der Zeit gefallen. Ein Ruhepol, Treff- und Trinkpunkt der Café und Musikalienhandlung, Vintage-Möbel und neue geile Vinylplatten, vegetarisch-vegane Snacks und kaltes Braunschweiger Bier zusammenführt. Vom 15. Bis zum 17. September wird mit DJs, der Band The Driftwood Fairytales, Tombola, Aktionen und Überraschungen groß gefeiert. Christian Göttner unterhielt sich mit den Betreibern André Giesler und Christian Rank.

André, Chris, warum habt ihr vor zehn Jahren das Riptide eröffnet?
Wir wollten einfach einen Ort schaffen, den es so nicht gab in Braunschweig, einen Ort, den wir selbst vermisst haben. Wir wollten unsere Leidenschaft, unser Hobby zum Beruf machen.

Was waren damals wichtige Inspirationen und eventuelle Vorbilder?
Vorbilder hatten wir nicht wirklich. Wir reisen gerne um die Welt und überall, wo wir auf gemütliche Cafés gestoßen sind und in Plattenläden gestöbert haben, dachten wir: Warum so etwas nicht selbst schaffen? Im Internet und auf Konzerten gab es uns ja schon seit 1994 als Vinyl-Fachhandel, ein eigenes Ladengeschäft war da einfach der nächste Schritt und ein großer Traum.

Wie wichtig war Nick Hornbys Kult-Plattenladen-Roman „High Fidelity“ für euch?
Nicht wirklich wichtig. Wir lieben das Buch und den Film, aber ganz solche Nerds sind wir dann leider doch nicht. Oder doch?

Was macht euren Laden so besonders? Was sind seine Alleinstellungsmerkmale?
Wir denken, dass die Menschen merken, dass wir zu 100 Prozent hinter unserem Laden stehen, das wir mit extrem viel Liebe und Herzblut agieren. Trends mitlaufen kann jeder. Aber für etwas Bestimmtes stehen und Trends sogar selbst zu setzen, das ist etwas anderes. Wir liebten Vinyl bevor es en vogue war und wir brauchen keinen Vegan-Trend um veganes Essen anzubieten. Remember where you heard it first! Das Besondere ist diese Mischung, die nach wie vor einzigartig ist: Wohnzimmer, Gemütlichkeit, ein top sortierter Plattenladen, Service, Offenheit, leckere Getränke und gutes Essen, Party, Kultur… das gibt es trotz einiger Nachahmer so nicht wirklich woanders.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei euch im Schnelldurchlauf aus?
9:00 Uhr Arbeitsbeginn. Dann drei Stunden Ladenvorbereitung (Salat waschen, Gemüse schneiden, backen, Reinigung, Buchhaltung, Termine…). 12:00 Uhr Ladenöffnung. Irgendwann abends: Feierabend. Danach spiele ich in der Regel Panflöte im Wald und Andre sortiert seine Streichholzschachtelsammlung und schreibt seinen Brieffreunden in Burkina Faso.

Was waren die schönsten und skurrilsten Erlebnisse in den vergangenen zehn Jahren im Riptide?

Uhh, da gibt es unzählige Erlebnisse. Gute (vorwiegend) wie schlechte (leider auch ein paar wenige). Wir haben dem Schauspieler Horst Janson Geld geliehen, ZDF Kultur hat bei uns im Laden gedreht, ebenso SAT1 und RTL. Zu viele schöne und verrückte Geschichten und ausufernde Partys bei uns im Laden. Kommt vorbei und erlebt sie selbst, denn die geteilten sind die schönsten.

Wie wichtig sind und waren die Veranstaltungen? Welche Künstler haben euch am meisten beeindruckt?
Veranstaltungen waren und sind uns immer wichtig als Musik- und Kunst-Cafe. Unvergessen sind die Auftritte vom Oscar-Gewinner Olafur Arnalds, Supershirt, die Lesung mit Thomas Gsella, die Auftritte von Tiere streicheln Menschen, diverse Partys mit tollen DJs, z. B. Mark Reeder. Da war so viel Tolles dabei und es wird auch noch viel Tolles folgen.

Welche Rolle spielt(e) das eigene Plattenlabel?
Das Plattenlabel war und ist toll. Es macht Spaß, mit großartigen Künstlern und Menschen zu arbeiten. Das Label hat uns weltweit zahllose Türen geöffnet, ist aber mittlerweile etwas mehr in den Hintergrund getreten. Wir haben die Debütalben von unfassbaren Künstlern wie Tiger Lou, Frittenbude oder Bratze veröffentlicht, haben Platten mit Rocky Votolato, Torpedo, Boy Omega oder The Twang gemacht. Übrigens haben wir im Jahr 2008 den europäischen Grammy in der Königskategorie „Best Rockalbum 2008“ für Lukestar’s „Lake Toba“ erhalten. Und natürlich ist der Name Riptide dem Labelnamen entliehen.

Wer waren damals Eure Kunden und wer sind diese heute?
Hat sich das verändert? Bin mir nicht sicher. Wir haben ein sehr freundliches, offenes, persönliches Publikum zwischen 13 und 70 Jahren, hier sitzt der Manager im Schlips neben dem Iro-Punk, alle kommen miteinander klar, alle fühlen sich wohl und lieben die persönliche Atmosphäre und den Service. Das ist heutzutage leider gar nicht so selbstverständlich. Und alle sehen natürlich gut aus und haben Geschmack!

Was waren bis heute die bestverkauftesten Produkte und Tonträger bei euch?
Nicht genau mitgezählt, aber herausragend waren u.a. auf jeden Fall: Phoenix „Wolfgang Amadeus Phoenix“, Portishead „Third“, Gaslight Anthem „The 59 Sound“, Frittenbude „Nachtigall“, Mumford & Sons „Sigh no more“, Lana Del Rey „Born to die“ und Fever Ray „s/t“.

Wie hat sich euer Musikgeschmack in den vergangenen zehn Jahren verändert?
Verändert hat er sich nur soweit, dass wir immer offener werden und wurden und unseren ohnehin schon breitgefächerten Musikgeschmack um einiges vergrößert haben.

Inwieweit hat das Comeback von Vinyl auch Auswirkungen auf das Riptide?
Ich denke, das ist für uns eher nachteilig. Mit der neugewonnenen kommerziellen Relevanz bietet heutzutage jeder Vinyl an, um etwas vom Kuchen abzubekommen. Sobald der Trend vorbei ist, werden die die ersten sein, die wieder auf Vinyl pfeifen und das verkaufen, was sich dann halt am besten verkaufen lässt. Wir finden das lieb- und seelenlos, aber so ist das halt im Kapitalismus, ein ganz normales Prinzip. Das sollte übrigens den Käufern und Käuferinnen bewusst sein, egal ob es um Platten, Bekleidung oder Bücher geht: Internet is killing Einzelhandel.

Warum liebt ihr Vinyl?
Wir sind mit Vinyl groß geworden, lieben den Klang, die Haptik, dieses ganze Entschleunigende: Eine Platte aufzulegen, die Texte mitzulesen und in Ruhe zuzuhören, ist irgendwie ein bewussteres Musikhören, denke ich. Und ein leichtes Knistern ist auch schon ganz geil.

Was sind Eure zehn Lieblingsplatten aus den letzten zehn Jahren?
Puh, extrem schwierig. Was wir hier mal in den Raum werfen ist: Gaslight Anthem „ The 59 Sound”, Whitest Boy Alive „Rules LP”, Why? „Alopecia”, Boy Omega „Full moon mantra”, Manchester Orchestra „Cope”, The XX „s/t”, Bonobo „Black sands”, Band Of Horses „Cease to begin”, Bratze „Kraft”, Tocotronic „Schall und Wahn”.

Was sind die wichtigsten aktuellen Musiktrends?
Definitiv im Auge behalten sollte man die libanesische Choralmusik und allgemein wird sich der Retro-Postfunk Sound aus Manhattan, gepaart mit Country und Minimalelektro durchsetzen. Denken wir.

Was ist es euch mit dem Riptide bis heute gelungen und was hättet ihr lieber nicht tun sollen?
Wir haben einen Ort, eine kleine Oase geschaffen, die uns und unserer Gästen viel bedeutet, mit der sie sich identifizieren können, wo Persönlichkeit noch großgeschrieben wird. Wir haben viele Menschen und Kreative zusammengeführt, Freundschaften sind entstanden. Der Stellenwert, den das Riptide für einzelne Menschen hat, ist unglaublich. Das macht uns stolz.
Was wir nicht hätten tun sollen? Wir haben im Laufe der Jahre mit Sicherheit viele kleine und größere Fehler gemacht, da müssen wir nur draus lernen, aber im Großen und Ganzen würden wir das so jederzeit wieder tun.

Welche Hoffnungen, Wünsche und Träume haben sich erfüllt und welche nicht?
Die Filialen in Paris, New York und Peine konnten wir leider noch nicht eröffnen und der Privatjet lässt auch noch auf sich warten. Aber mal im Ernst: Wir haben unser Hobby zum Beruf gemacht und können so gerade davon leben, das ist doch schon mal was. Wäre es uns nur ums Geld gegangen, hätten wir in unseren eigentlichen Berufen gearbeitet, aber nicht ein Café außerhalb des Mainstream eröffnet.

Welche Ziele habt Ihr für die nächsten zehn Jahre?
Glücklich und gesund zu bleiben, zu überleben, Menschen kennenzulernen und schöne Erfahrungen zu sammeln. Natürlich auch das Panflötenspiel zu verbessern und stets offen und open-hearted zu sein.

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.
WIR bedanken uns ganz herzlich. Für das Interview und bei all den Gästen, Kunden und Freunden für alle die Unterstützung und den Support in den vergangen 10 Jahren! Unfassbar! Ohne euch wären wir nichts!

Kategorie:CheckOut, Kunst & Kultur, Topstories
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