Von einer Klippe ganz tief ins Meer stürzen

Die Gothic-Novel-Rockband ASP lotet mit ihren Texten das Innerste der Seele aus

Licht- und Schattenspiele: In ihren Songs tauchen ASP kurz auf, um dann immer wieder zu versinken. Foto: Trisol/Soulfood

Licht- und Schattenspiele: In ihren Songs tauchen ASP kurz auf, um dann immer wieder zu versinken. Foto: Trisol/Soulfood

Alexander Frank Spreng ist ASP – gleichzeitig eine Person und eine Band. 1999 in Frankfurt gründet, spielte sich die eigenwillige Gothic-Novel-Rockband über die Jahre ganz tief ins dunkle Herz der Schwarzen Szene und hoch in die deutschen Charts – die letzten beiden Alben landeten auf Platz 7 und 17. Gerade ist ihr neues Album „zutiefst“ erschienen auf dem die lyrisch-anspruchsvollen, tiefgründig-komplexen Texte in hymnischen Heavy-Rock, aber auch Soundtrack-artige, wavige Momente und epische Opern-Anklänge gekleidet werden.

Im August traten ASP als einer der Headliner beim M’era Luna Festival in Hildesheim auf, nun kann man sie allein am 4. November im Pavillon in Hannover erleben. Wir sprachen vorab mit ASP-Mastermind und „Berufsmelancholiker“ Alexander Frank Spreng über das neue Album.

Wie würdest du diese Inhaltsthematik von „zutiefst“ beschreiben?

„zutiefst“ setzt genau dort an, wo „Maskenhaft“ vor rund vier Jahren aufgehört hat. An dessen Ende befanden wir uns an einer Klippe und stürzen von dort ganz tief ins Meer. Dieses Tiefseethema war etwas, das ich mir schon lange ausgedacht hatte. Für mich ist die Tiefsee eine tolle Metapher für den modernen Menschen an sich. Wir schaffen es ins All zu fliegen, sind in allen Belangen vernetzt und fortschrittlich, wissen aber nicht, was tief unter uns sowie im Innersten unserer Seele vorgeht. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich ein besonders schwarzes Album machen müsste, denn diese Schwärze kommt von selbst, aus dem tiefsten Inneren heraus. In der Tiefsee gibt es kein Licht. Und wenn doch, so frage ich, wer oder was es erzeugt?

Das finde ich faszinierend, denn dort unten herrschen extreme Lebensbedingungen und dennoch gibt es welches. Das alles erzeugte so starke Bilder in mir, die förmlich nach Metaphern und der entsprechenden Umsetzung schrien. Natürlich tauchen wir dabei immer wieder auf und sehen ab und an wieder Licht, doch dann geht es erneut hinab in den Abgrund. Man muss den Lebensraum in dieser feindlichen Umgebung erst finden, was für mich einen großen Reiz darstellte.

zutiefst“ ist gleichfalls ein Synonym für das tiefe Innere im Menschen. Wie stark sind dabei gewissen autobiographischen Züge?

Es sind nie direkte Auslöser, sondern die Summe an Erfahrungen, die mich dazu drängt, das Ganze auf einer metaphorischen Ebene zu verarbeiten und auf eine rätselhafte Art damit umzugehen. Es gibt bereits genügend Musik, die alle Fragen beantwortet und dem Hörer keinerlei Interpretationsmöglichkeiten bietet. Im Schlager-Metier ist das sehr beliebt, wo es nur Stichworte und Antworten gibt. Aber man erfährt nichts über sich selbst. Auf mich besitzt es eine therapeutische Wirkung, Musik und Texte zu schreiben; weshalb ich dieses Gefühl an den Hörer weitervermitteln möchte.

Dabei scheust du dich auch nicht, das Thema Depressionen zu behandeln. Wie hast du dich der komplexen und durchaus heiklen Thematik genähert?

Zaghaft. Das Thema Depression ist deshalb so schwer, weil man sich gar nicht damit beschäftigen möchte. Man möchte das ausblenden. Es ist schwer zu greifen, weil es so viele Missverständnisse gibt und in unserer Gesellschaft die Begrifflichkeiten durcheinander gewürfelt sind. Als Berufsmelancholiker lege ich großen Wert darauf, dass es eine Unterscheidung gibt; zwischen der Krankheit Depression bzw. der negativen Seite der Melancholie sowie der Melancholie an sich. Dadurch wird alles, was mit Melancholie zu tun hat, negativ bewertet. Das wiederum ist deshalb so gefährlich, weil wir damit auch alle schwierigen, düsteren und schmerzvollen Themen immer mehr ausblenden wollen. Heutzutage ist es so uncool wie nie zuvor, von sich zu behaupten, man sei ein Melancholiker. Im Grunde bedeutet das jedoch nichts anderes, als in der heutigen Spaßgesellschaft ein Fremdkörper zu sein, der sich einfach auf andere Dinge konzentriert. Der Melancholiker braucht wenig Bespaßung, findet viel in sich selbst sowie der Natur und ist ein ganz mieser Konsument. Als moderner Mensch ist er sehr unbeliebt, denn er ist für Werbung sowie für Facebook und Google, wenig empfänglich und damit nicht auswertbar. Für mich ist die Melancholie eine gesunde Eigenschaft des Charakters, die etwas sehr Reinigendes besitzt.

Aber dennoch gibt es einen schmalen Grad hin zur Depression, den ich ebenfalls manchmal überschritten habe, was dann tatsächlich gefährlich wird. Wenn man Melancholie nicht mehr leben kann, Licht und Freude fehlt und das weder sieht noch bemerkt, so kann das zur Erkrankung führen. Auf „zutiefst“ wollte ich den Leviathan als Sinnbild für diese Übermacht benutzen. Diese Nummer, „Leviathan“, war für mich somit ein neues Ventil, mit diesem Thema umzugehen. Es ist ein schwerer Song und soll für den Hörer ein Vehikel sein, um einen Ausweg zu finden. Für mich war es schon immer so, dass mich melancholische Musik nie traurig gemacht hat, sondern mir vielmehr einen Weg zur Freude und zum Glück ebnete. Das möchte ich wiederum zurückgeben, aber ich verstehe, dass dieser Track für viele Leute eine schwere Kost bedeutet. Diese Kost bedarf es manchmal, um eine andere Perspektive auf die Dinge oder sich selbst zu bekommen. Mir hat die Musik in diesem Punkt mehr als alles andere im Leben immer geholfen, auf eine emotionale Art, neue Perspektiven zu gewinnen.

Existieren „Untiefen“ in dir, über die du nicht öffentlich sprechen würdest? Oder kehrst du alles in dir – sei es nun in Metaphern oder der Lyrik an sich – nach Außen?

ASP: Das ist eine interessante Frage, weil ich gerade erst damit angefangen habe, mich damit zu beschäftigen. Ich habe bei dem, was ich schöpferisch kreiere, immer darauf geachtet, dass viele Dinge von mir verborgen bleiben. Das hat vielerlei Gründe, die zum Großteil mit Selbstschutz zu tun haben. Privat bin ich ein sehr introvertierter Mensch. Auf die Bühne zu gehen und vor Menschen zu singen, ist für mich eigentlich der absolute Horror. Das ist nichts, das ich immerzu gerne mache. Wenn ich dann auf der Bühne stehe, vergeht das Gefühl auch wieder und ich bin dann sehr in meinem Element. Ich glaube, dass es die Fans genießen zu sehen, wie ich auf der Bühne in meiner Musik aufgehe und sie lebe. Aber auch das hat eine sehr introvertierte Komponente, weil ich mich dann in mir selbst und in meiner Darbietung, dem Gesang und der Musik, verlieren kann. Mir gelingt es durchaus, dass ich alle Menschen um mich herum ausblende. Ich bin auch sonst niemand, der gerne vor anderen Menschen spricht, sich innerhalb von Menschenmassen aufhält, sondern sich zum Großteil des Tages, mit sich selbst beschäftigt und der gerne alleine ist.

Ich bin jemand, der sein Zuhause sowie die Natur benötigt, um sich darin wiederzufinden. Deshalb benutze ich auf der Bühne die Gesichtsbemalung, ist sie doch eine Möglichkeit, um eine gewissen Abstand zu wahren. Für mich ist das eine zusätzliche Schutzschicht. Mir geht beispielsweise auch jeglicher Starrummel komplett auf die Nerven, da ich mich selbst für den normalsten und unauffälligsten Menschen halte. Auf der anderen Seite muss ich natürlich raus, um meine Kunst an den Mann und die Frau zu bringen und dieser starke Gegensatz beschäftigt mich viel. Viele Fans sehen es heutzutage als ein Grundrecht an, an allen Dingen in meinem Leben teilhaben zu dürfen – aber eben das dürfen sie nicht, denn mein Privatleben hat nichts mit den Dingen zu tun, von denen ich möchte, dass sie sieerfahren. Interessant bin ich nur als die Kunstfigur ASP, ansonsten bin ich einfach jemand, der jeden Tag unheimlich viel arbeitet.

Das übergeordnete, allumgreifende Thema ist das Meer. Bist du eine Person, die sich gerne auf oder im Wasser aufhält?

Ich liebe das Meer, am liebsten jedoch vom Strand aus. Ich glaube, das liegt daran, dass ich der Technik grundsätzlich misstraue. Ich habe nichts gegen Boote, aber ich wäre dann eher jemand, der das Segeln lernen würde. Das Meer hat eine sehr große Anziehungskraft auf mich und ich glaube, so geht es einem Großteil der Menschheit. Dieses große, sehr Ursprüngliche und kaum von uns beeinflussbare Meer, strahlt eine immense Faszination aus. Bei diesem Tiefseethema jedoch, habe ich schnell bemerkt, dass ich diese gängigen Klischees hinter mir lassen muss, um eben nicht in das übliche Seefahrerschema zu verfallen.

Wir haben dann auch Lichter erschaffen, die es nur in der Fantasie geben kann. Beispielsweise ein Unterwassergebäude, dessen Fenster sich plötzlich mit Licht füllen. Wir haben selbst den Mond ins Meer versenkt, um an Licht zu kommen. Es gibt jedoch ebenfalls Nummern, bei denen wir kurz aufgetaucht sind, um dann jedoch direkt wieder zu versinken. Ich hoffe, dass es uns gelungen ist, all diese klischeebehafteten Meeresthemen zu umschiffen. Viele Ideen musste ich wieder vom Schreibtisch fegen, weil es so naheliegend ist, darauf reinzufallen und man das Gefühl bekommt, diese Tiefe wieder verlassen zu wollen.

ASP treten am 4. November, 20:00 Uhr im Pavillon am Raschplatz in Hannover auf. Als Special Guest sind Gothminister dabei.

Kategorie:CheckOut, Konzert-Tipps, Szene-News, Topstories
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