Mit ’nem Bier in der Wanne

Interview: Gregor Meyle tritt am 08. Juli 2017 bei der Wolters Konzertreihe auf

Live reicht Gregor Meyles Repertoire von Pop über Big Band-Arrangements und Irish Folk bis hin zu Country-Songs. Foto: Sebastian Sach

Live reicht Gregor Meyles Repertoire von Pop über Big Band-Arrangements und Irish Folk bis hin zu Country-Songs. Foto: Sebastian Sach

In seiner TV-Sendung „Meylensteine“ spielt er regelmäßig zusammen mit Stars wie Helene Fischer, Howard Carpendale oder Sportfreunde Stiller. Gregor Meyle, der smarte Sänger mit Akustikgitarre und Hut, hat seit Karrierebeginn eine enge Beziehung zum Fernsehen. Nachdem er 2007 durch eine Casting-Show bei Stefan Raab bekannt wurde, etablierte sich der 38-Jährige bei „Sing mein Song – das Tauschkonzert“ im deutschen Musikbusiness. Heute ist er viel auf Tour und kann auf zwei Gold-Platten sowie etliche Auszeichnungen zurückblicken. Ein Tourstop in diesem Jahr wird die Wolters Konzertreihe am 08. Juli 2017 in Braunschweig sein – ein Gespräch über das Fernsehbusiness, Songwriting und eiskalte Leidenschaften.

Gregor, du spielst jetzt innerhalb von zwei Monaten 25 Konzert, wie schaffst du das?

Das ist ein ganz normales Pensum. Ich habe dieses Jahr wegen der Sendung „Meylensteine“ eigentlich sogar weniger Konzerte als sonst. Das kommt vor allem dadurch, dass die Drehs für die Sendung sehr zeitaufwändig sind, auch weil die Termine mit den Künstlern abgesprochen werden müssen. In den letzten Jahren haben wir im Schnitt insgesamt 120 bis 140 Konzerte gespielt, das sind dieses Jahr schon deutlich weniger. Das wichtigste ist sich auch mal ein, zwei Monate freizuschaufeln, um neue Platten zu machen. Dazu muss ich mich richtig zwingen, aber gerade läuft es so gut, dass ich mir das leisten kann.

Wann war der Moment, als du gemerkt hast, dass du Profimusiker werden kannst?

Im Prinzip ganz einfach nach der Castingshow bei Stefan Raab habe ich mir gesagt: „Das ziehst du jetzt durch!“ Da habe ich drei Monate von meinem Ersparten gelebt und alles auf die Musik gesetzt. Dann ging das ein halbes Jahr ziemlich gut, weil wir durch die Raab-Show Aufwind hatten. Später kamen dann 50 bis 60 Leute zu den Konzerten. Wir haben fünf Jahre kleine Konzerte in Deutschland gegeben. 2010 habe ich Xavier Naidoo kennengelernt und er meinte zu mir, dass er mich anruft, wenn mal eine coole Fernsehsendung geplant ist. Der Anruf kam dann tatsächlich 2013, dann haben wir „Sing mein Song“ gemacht. Mit großen Teilen der Band aus der Sendung trete ich seit dem auch live auf. Das hat zwar die Musik nicht verändert durch das Millionenpublikum im Fernsehen kommen jetzt aber mehr Leute zu den Konzerten. Das ist schon ein Traum so auftreten zu können. Ich freue mich über jeden Job, der dadurch entstanden ist, vom Bandmusiker bis zum LKW-Fahrer.

Wie würdest du dein Konzertpublikum beschreiben?

Wir haben viele Leute die zwei bis drei Mal im Jahr zum Konzert kommen, das ist natürlich ein tolles Geschenk und auch ein großes Kompliment für uns. Die meisten sind ab vierzig aufwärts. Das ist ein richtiges Luxuspublikum, weil sie sehr treu sind. Wir haben nur immer ein Problem wenn Herbert Grönemeyer in die Stadt kommt, weil dann meistens rund tausend Leute weniger kommen. Aber ich selbst würde ja auch lieber zu Grönemeyer gehen (lacht).

Hat im Alter von vier Jahren angefangen, Gitarre zu spielen. Foto: Sven Kosakowski

Hat im Alter von vier Jahren angefangen, Gitarre zu spielen. Foto: Sven Kosakowski

Bist du ein klassischer Popmusiker?

Ich finde es schwierig mich da einzuordnen. Ich mache Musik und schreibe Songs. Die Musikrichtung ist dann offen: Wir haben zum Teil Big Band-Arrangements, Rock, Irish-Folk und Country. Das kannst du gar nicht in eine Schublade packen, das ist ja das Schöne: Musik aus aller Herren Länder zu machen. Das ist für mich auch wichtig um als Künstler frei zu sein.

Wie schreibst du deine Songs, wie komponierst du die Lieder?

Ich schaue erst mal: Was habe ich schon für Songs, was passt gut in die Setlist? Ich habe recht viele Balladen, aber die kann ich erfahrungsgemäß nicht alle live spielen. Da stehen sich die Leute ein Loch in den Bauch. Viele Songs entstehen einfach aus dem Affekt oder wenn ich etwas verarbeite. Ich ziehe mich dann zurück und begebe mich in einen Prozess, in dem ich sechs Wochen einfach nur schreibe, Gas gebe und mich nur mit Musik beschäftige. Da lasse ich auch das Handy und den ganzen Büroquatsch mal sein. Das Schöne ist: Du kannst es überall machen. Du kannst irgendwohin in die Welt fahren und dich dort inspirieren machen und Songs schreiben.

Auf deinem letzten Album „Die Leichtigkeit des Seins“ sind viele Texte mit ausgesprochen positiver Botschaft, wie kommt das?

Ich will zeigen, dass das Glas eher halbvoll als halbleer ist und wir in Deutschland die letzten sind, die sich beklagen sollten. Wir leben in einem der reichsten Länder, in denen Leute, denen es einfach gut geht, Panik schieben. Wenn jemand wie Donald Trump gewählt wird oder viel über die Flüchtlingskrise geredet wird, haben die Leute Angst. Da alle Diskussionen mittlerweile global stattfinden, kann und sollte jeder sich eine ausgewogene Meinung bilden. Das Schlimmste ist zu pauschalisieren. Nicht jeder der ein Kopftuch aufhat, hat gleichzeitig eine Rucksack-Bombe. Das ist eine gefährliche Mentalität. Meine Text lassen da aber viel Freiraum, ich benenne solche Dinge nicht direkt, weil es nicht Schlimmeres gibt als Songs mit Zeigefinger zu machen. Die Songs sollen sagen: Leute, es ist alles entspannt. Es sind kleine Dinge, mit denen wir dir Welt verbessern können: Müll recyceln oder ein Gemüsebeet anbauen.

Also bist du ein politischer Mensch?

Mir geht es vor allem um Menschlichkeit. 2015 zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise habe ich mit dem Sänger Charly Winston den Song „#saysomething“ gemacht. Mich hat diese Geschichte, wo 70 Menschen in einem LKW gestorben sind, sehr mitgenommen. Ich wollte zeigen, dass Flüchtlinge keine Monster sind, sondern Menschen, die vor Krieg fliehen. Das wollte ich personalisieren, weswegen wir auch direkt die Menschen dort besucht haben, wo sie in Europa das erste Mal ankamen. Das war keine große Promo-Aktion, sondern ein Aufruf, etwas zu tun. Für mich war das eine Bewusstseinserweiterung.

In deiner Sendung „Meylensteine“ arbeitest du mit verschiedenen Künstlern, wie Alphaville, Helene Fischer oder den Höhnern zusammen. Was hast von der Zusammenarbeit mitgenommen?

Das sind alles wahnsinnig unterschiedliche Künstler. Das ist das Tolle an dem Format: Ich bin in der Sendung kein Journalist sondern auch nur Musiker. Egal mit wem ich Musik gemacht habe, wir haben immer irgendwie zusammengefunden. Die wichtigste Basis dafür ist die Demut und der Respekt voreinander. Das sind alles Leute, die Millionen von Platten verkauft haben, richtige Superstars. Die sind trotzdem alle auf dem Boden geblieben. Helene zum Beispiel hilft beim Geschirrspülen und geht wie jeder andere Mensch auch Klopapier einkaufen. Das finde ich toll, zu zeigen, dass Musiker leben wie jeder andere. Musikalisch gesehen ist es so, dass jeder seine Spezialitäten hat und das versuche ich in der Sendung zu zeigen und mich auf die Künstler einzulassen.

Würdest du für die Sendung auch mit Bands aus alternativen Genres zusammenarbeiten, Metal zum Beispiel?

Klar, mit Rammstein zu drehen beispielsweise, wäre total interessant. Ich würde selbst Dieter Bohlen einladen und ihn fragen: „Alter, spiel‘ mal Gitarre, kannst du das überhaupt?“ Gar nicht um ihn auflaufen zu lassen, sondern um mal eine andere Seite zu zeigen. Wenn ich mir jemanden für die Sendung aussuchen dürfte, wäre das wohl Paul McCartney. Das ist mein Jugendidol, aber da würde ich wohl vor Aufregung keinen geraden englischen Satz herausbekommen. Aber grundsätzlich würde das Format auch mit internationalen Künstler funktionieren.

Hat es auch Schattenseiten als Musiker beim Fernsehen zu arbeiten?

Manchmal werden in Boulevard-Zeitungen Unwahrheiten verbreitet, um mehr Umsatz zu machen. Das hält sich bei meiner Person noch in Grenzen, aber ich hatte es schon häufiger, dass ich ein ehrliches Interview gegeben hatte und dann die Headline total reißerisch und aus dem Zusammenhang gerissen war. Mittlerweile bin ich da aber relativ entspannt. Wenn ich so etwas lese, rege ich mich kurz auf und vergesse es danach.

In Braunschweig trittst du beim Wolters-Hoffest auf, das auf dem Gelände einer Brauerei stattfindet. Wie genießt du dein Bier am liebsten?

Ich trinke Bier am liebsten eiskalt, wenn ich in der Badewanne liege.

Warst du schon mal in Braunschweig? Wie ist dein Bild von der Stadt?

Ja, einmal haben wir in Braunschweig auf einem Sportfest gespielt. Leider bin ich damals nicht dazu gekommen mir die Innenstadt anzuschauen, aber das werde ich dieses Mal nachholen.

Kategorie:CheckOut, Konzert-Tipps, Topstories
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