„Schwarzer Humor mit viel Herz“

Joscha Sauer, NICHTLUSTIG-Cartoonist und Trickfilm-Produzent, im Interview über seine Lemminge, Kopfkino und die Erfüllung eines Traumes.

Die Osterhasen werden auch immer dreister. Illustration: Joscha Sauer

Schon als kleines Kind versank Joscha Sauer in den fremden und seltsamen Welten der Comics. Fasziniert von mitreißenden Geschichten erstellt er seit dem Jahr 2000 selber erfolgreich Cartoons mit vielen skurrilen und liebenswerten Charakteren. Ein ganz eigenes, faszinierendes und unterhaltsames Paralleluniversum, das er bislang in 14 Buchveröffentlichungen, acht Wochenkalendern und nun auch auf seiner ersten „Nichtlustig“-DVD mit unter anderem suizidalen Lemmingen, dem seltsamen Wandbewohner Herr Riebmann, bescheuerten Yetis, dem Tod, seinem Pudel und vielen anderen Figuren zum Leben erweckt. Sauers Humor ist mal trocken, mal scharf. Dann wieder milde lächelnd und hintergründig. Über 870.000 Tausend Facebook-Fans lieben diesen. Wir auch – und sprachen deshalb ausführlich mit Joscha Sauer.

Joscha, was war dein erster Comic der dich begeistert hat? Gab es ein Erweckungserlebnis?

Dadurch dass ich mit Comics aufgewachsen bin und die bei meinen Eltern herumflatterten, kann ich gar nicht genau sagen, was mein erster Comic war. Ich bin wie alle anderen Kinder mit Mickey Maus, Asterix und ähnlichem aufgewachsen – das war alles irgendwie sehr präsent. Es gab also nicht den Moment in dem mir plötzlich klar wurde das gibt es, sondern das war einfach Normalität. Das Schöne war auch, dass gerade mein Vater das eigentlich immer sehr unterstützt hat und ich nicht wie andere Kinder gegen ihre Eltern kämpfen musste, um überhaupt Comics lesen zu dürfen. Aber es gab nicht so das Erweckungserlebnis, sondern ich habe es einfach gemacht: Zeichnen, Comics lesen und einfach nicht damit aufhören.

Seit Beginn seiner zeichnerischen Tätigkeit veröffentlicht Sauer viele seiner Cartoons frei zugänglich auf seiner Website. 

Bist du selber als Kind zum Kiosk gelaufen und hast dir Comics gekauft?

Klar. Als ich dann ein bisschen älter war und wirklich auch lesen konnte habe ich angefangen Mickey Maus regelmäßig zu lesen. Das YPS-Heft gab es natürlich damals auch, was eine große Sache für mich war. Später ging es dann weiter mit den Comic-Alben, wo man dann die ersten längeren Geschichten gelesen hat. Die waren dann über Asterix oder Lucky Luke, also wirklich Klassiker. Das war auch so ein bisschen mein Problem, weil ich irgendwann gemerkt habe, dass mir mit diese ganzen klassischen Sachen langweilig wurden. Gleichzeitig fehlte mir aber damals in den 80er Jahren ein bisschen der Zugang zu Erwachsenen-Material. Damit meine ich jetzt nicht irgendwas, was sexueller oder expliziter ist, sondern Sachen die einfach intelligenter und anspruchsvoller waren. Es war damals schwieriger, da gab es noch nicht richtig den breiteren Markt für das, zumindest habe ich ihn nicht entdeckt und für Superhelden-Comics fehlte mir immer die Begeisterung. Dadurch hörte ich dann ein bisschen damit auf Comics zu lesen. Losgegangen ist es erst wieder, als ich selbst angefangen habe Cartoons zu zeichnen, was ein bisschen anders ist als Comics, weil man da eigentlich eher Gags produziert und immer so ein bisschen mehr mit Comedy bzw. Stand-Up-Comedy zu tun hat, als wirklich damit Geschichten zu erzählen. Aber dadurch, dass ich dann wieder mit Verlagen und mit anderen Zeichnern zu tun hatte, bin ich wieder mit Comic warm geworden und habe da ganz tolle neue Sachen und auch viele Comiczeichner kennengelernt.

Was haben Comics früher in dir ausgelöst? Ist das immer noch in dir oder ist das verloren gegangen?

Die Begeisterung für das Geschichten erzählen, war immer da und die ist auch nicht weggegangen. Momentan ist Film das Medium, das mich am meisten interessiert, wobei tolle Geschichten in allen Medien funktionieren. Ob das jetzt jemand ist der ein tollen Roman schreibt, ein tolles Comic schreibt und zeichnet oder einen tollen Film dreht; wenn jemand es schafft mich emotional zu begeistern, da reinzuholen und eine Welt aufzubauen, dann fasziniert mich das total. Eine Welt, in der man so richtig schön versinken kann, mag ich am meisten.

Dieser Moment im Fahrstuhl, wenn du … Illustration: Joscha Sauer

Ist das auch das, was du mit deiner Kunst beim Betrachter auslösen willst?

Unter anderem auch. In erster Linie ist das Ziel natürlich, dass die Leute bei den Cartoons unterhalten sind. An vorderster Front steht: Leute zum Lachen zu bringen. Aber es gibt immer einen Mehrwert, wenn die Leute wirklich das Gefühl haben, sie lesen nicht nur einen beliebigen Cartoon oder sehen eine beliebige Geschichte mit irgendwelchen Figuren, sondern sie haben ein Bezug dazu. Es gibt eine feste Welt in der es feste Regeln gibt und in der die gleichen Figuren immer wieder auftauchen. Man hat ein Gerüst, in das man immer wieder eintauchen kann.

Was war deine erste wichtige Figur in diesem Universum? Womit alles begonnen?

Ich hatte nie den Plan Comiczeichner oder Cartoonist zu werden. Das war eher so eine temporäre Sache für ein paar Wochen, bis mir irgendein Plan einfällt, was ich eigentlich tun will. Ich habe damals Musik Videos gemacht, was so halbgar lief. Somit hatte ich immer Leerlauf dazwischen, den ich irgendwie füllen musste. Deswegen hatte ich nicht den großen Masterplan für die Cartoons. Ich hatte immer den Wunsch was zu machen, was eben eine eigene kleine Welt aufbaut. Die, die diese Welt bevölkert haben, sind aber sehr organisch entstanden. Ich habe immer einzelne Gags gemacht und Cartoons gezeichnet und plötzlich waren das nicht mehr beliebige Figuren, sondern das waren meine Lemminge und meine Yetis und das der Mann in der Wand. Das waren Figuren die plötzlich dazu gehörten und die nicht mehr nur für einen Gag da waren.

Wie würdest du deine Nichtlustig-Welt in ein paar Worten beschreiben?

Ich sage immer: Das ist schwarzer Humor mit viel Herz, weil es das komplette Spektrum abdeckt; wobei das der Sache an sich natürlich trotzdem nicht gerecht wird. Eigentlich ist es eine Art kleiner Mikrokosmus. Man muss sehr schnell auf den Punkt kommen, wenn in einem Bild alles passieren muss. Das hat mich die vielen Jahre im Denken sehr geprägt. Bei einem Trickfilm ist das natürlich noch ein bisschen anders. Man muss jetzt wieder lernen Sachen auszudehnen, zu erzählen und eine Dramaturgie zu entwickeln. Das war etwas an dem ich die letzten Jahre viel herumprobiert habe. Jetzt machen wir diese Trickfilm-Episoden und das scheint sehr gut zu funktionieren.

Auch nicht lustig, so ein Regenbogen … Illustration: Joscha Sauer

Der Pluspunkt ist auch, dass du so viele verrückte Tiere integrierst. Sind diese lustiger als Menschen?

Sie sind oftmals zumindest interessanter anzugucken. Ich würde jetzt nicht sagen, dass das eine witziger ist als das andere. Es gibt Gags, die mit Sicherheit auch mit Menschen funktionieren und wo es einfach komisch wäre, wenn man stattdessen irgendwelche Tiere einsetzt. Der Vorteil ist aber, dass die Charaktereigenschaften von Tieren beim Leser schon bekannt sind und man es vorher nicht erklären muss. Man spielt sehr viel mit Erwartungshaltung bei Humor, zumindest bei diesem sehr kurzen Humor. Bei der Trickfilmserie ist das natürlich nochmal anders, sodass man sich da sehr viel tiefergehende Figuren ausdenken kann, wo man wirklich erzählt, was ist das tragische an der Figur oder was die genau macht. Und da kann man dann sehr viel flexibler arbeiten auch mit menschlichen Figuren oder auch Tieren.

Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte. Sagt ein Zeichentrickfilm auch 1.000 Mal mehr als ein Comic?

Das würde ich nicht sagen. Ein Zeichentrickfilm sagt andere Dinge und er sagt es dir sehr viel aufwendiger, was gerade so ein bisschen mein Problem ist. Es kostet viel Geld, Zeit und Energie von vielen Leuten, um so einen Film umzusetzen. Es ist aber momentan für mich befriedigender, weil es mir die Möglichkeit gibt, Dinge zu erzählen und zu machen die ich in Cartoon- und in Buchform so nicht machen konnte. Aber ich würde trotzdem nicht das eine über das andere stellen. Der Trickfilm hat für mich zurzeit mehr Wert, weil er einfach etwas ist, was ich bisher noch nicht gemacht habe und es intensiver ist von allem was da hineinwandert. Aber es gibt genau so Gags, bei denen man ganz klar sagt, die funktionieren nicht im Film, die kann ich da nicht umsetzen, weil sie das statische Bild brauchen.

Andersherum: Das Schaf am Wolfspelz. Illustration: Joscha Sauer

Viele deiner „Einbildcartoons“ sind eigentlich kleine Trickfilme für den Kopf …

Ja, weil oftmals funktionieren diese Cartoons nach dem Prinzip, das diese kurz vor oder kurz nach einer Katastrophe stattfinden. Und das ist genau dieser Effekt, dass dein Hirn das dann ergänzt. Das ist das, womit ich immer spiele.

Hast du dir mit deinen Trickfilmen einen Traum erfüllt?

Ja, auf jeden Fall. Das ist etwas wovon ich seit Ewigkeiten träume. Das ist jetzt das erste Mal dass es sich wirklich so anfühlt, als sei das Produkt das wir gerade erzeugen auch das, auf welches ich stolz sein werde.

Todesursache: Das Übermaß an Originalität. Illustration: Joscha Sauer

Aber die Realität, dass deine Cartoons vielleicht mal im deutschen Fernsehen laufen, sieht ja etwas anders aus …

Noch ja, leider. Allerdings muss ich sagen, dass ich da irgendwann so ein bisschen eine „Jetzt-erst-recht-Attitude“ entwickelt habe. In vielen Fällen ist es sogar leichter ohne den großen Investor oder Fernsehsender im Rücken zu arbeiten, der einem immer sagen will, wie man es zu tun hat. Auf der anderen Seite ist es natürlich schwieriger Dinge zu finanzieren, das hat alles ein für und wider. Aber ich fände es auch schön, wenn das Zeug was wir jetzt machen, irgendwann im Fernsehen laufen würde und es dadurch halt viel mehr Leute mitbekommen. Ich finde Fernsehen kann toll und doof sein, wie jedes andere Medium auch. Was Fernsehen eben kann, ist eine Menge Menschen zu erreichen – und ich möchte immer, dass meine Arbeit von möglichst vielen Menschen gesehen wird.

Kategorie:CheckOut, Topstories
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