Morgenstern meets Knigge: Neunte Ausgabe zum Thema “Knigge im Theater”

Autor, Moderator, Knigge-Trainer: Der Braunschweiger Danny Morgenstern ist ein Tausendsassa. Im Rahmen von "Morgenstern meets Knigge" berichtet er allmonatlich auf szene38.de. Foto: Christian Danner / oh.

Bei der letzten Sitzung des Arbeitskreis Umgangsformen International (AUI – siehe dazu den letzten Abschnitt) wurde die Idee einen kleinen „Theater Knigge“ zu verfassen umgesetzt. Die Leiterin des AUI, Inge Wolff, hat mit Unterstützung der anderen Mitglieder etwas Einmaliges auf die Beine gestellt, dass unkompliziert und umfassend mit dem oben genannten Thema befasst: Wie in allen Lebenslagen gilt auch bei einem Theaterbesuch: Rücksichtnahme und Höflichkeit erhöhen den Genuss! Hier eine kleine Erinnerungsstütze dazu:

Vorbereitung und Kleidung
Wer an die Mitmenschen denkt, wird vor einem Theaterbesuch das Thema „Gerüche“ einkalkulieren, die als störend empfunden werden können.
Verbindliche Vorgaben zur Kleidung gibt es seitens der Intendanzen kaum; feststehende Gepflogenheiten selten, wie etwa bei den Wagner-Festspielen, bei denen entgegen anderer Empfehlungen für die Herren der Smoking bereits vor 19:00 Uhr angesagt ist und die Damen dementsprechend im Abendkleid schon am Nachmittag erscheinen. Viele Theatergäste kleiden sich nach wie vor etwas festlicher als beispielsweise zu einem Kinobesuch. Abendgarderobe wird durchgängig meist nur noch bei Premieren und besonderen Festveranstaltungen getragen, ist allerdings auch bei anderen Theaterveranstaltungen „nicht verboten“. Dadurch entsteht ein recht gemischtes Kleidungsbild, das jedoch mit etwas Toleranz problemlos akzeptabel ist.

Pünktlichkeit
Sie ist bei einem Theaterbesuch zwingend, wenn Besuchende von der ersten Minute an das Erlebnis genießen wollen. Hier bestraft zwar nicht das Leben das Zuspätkommen, aber die Türen werden zu Beginn gnadenlos geschlossen und ein späterer Einlass ist erst nach geraumer Zeit möglich. Dann nämlich, wenn es die bereits Anwesenden am wenigsten stört, schlimmstenfalls erst nach dem ersten Akt/Bild.

Garderobe abgeben
Oft ist zu sehen, dass Theatergäste ihre Mäntel oder Jacken, gar Regenschirme oder Rucksäcke und große Taschen mit in die Vorstellung nehmen. Das ist anderen gegenüber unhöflich, weil das Verstauen solcher Utensilien im Zuschauerraum unweigerlich den für die Nebensitzenden zur Verfügung stehenden Platz reduziert. Zudem können bei nasser Kleidung unangenehme Gerüche entstehen. Wer sich rücksichtsvoll verhalten will, nutzt also die Möglichkeit, alle sperrigen Dinge sowie Mantel oder Jacke an der Garderobe abzugeben.

Den Platz einnehmen
Hat ein „Theater-Profi-Gast“ in einer Reihe einen Mittelplatz, verhält er sich so: Er nimmt diesen recht früh ein, statt auf das allerletzte Klingelzeichen zu warten. So brauchen nicht alle vor ihm Erschienenen in dieser Reihe für ihn aufzustehen beziehungsweise er hat sich nicht an ihnen vorbeizuschieben (falls es an der
Höflichkeit des Aufstehens für später Kommende mangelt). Sollte Letzteres notwendig werden, dreht er den Sitzenden beim Durchgehen in der Reihe mit einem Dank das Gesicht zu, statt ihnen seine Kehrseite an der Nase vorbei zu schieben.
Umgekehrt können auch die „Randplatz-Gäste“ ihr Scherflein zum reibungslosen Ablauf beitragen, indem sie bis kurz vor dem Schließen der Türen an der Seite stehend ausharren, wenn Mittelplätze noch unbesetzt sind. Zum Ende der Pause helfen diese Tipps übrigens ebenso für ein reibungsloses Platznehmen.

Rücksichtnahme während der Vorstellung
Als rücksichtsvoller Theatergast vermeiden Sie jegliche Geräuschbelästigung, die anderen den Kunstgenuss vermiesen könnte. Das beginnt beim Tuscheln, geht über das Mitsingen bekannter Arien oder Musicalsongs – sofern nicht seitens der Regie ausdrücklich erbeten – oder das Knistern mit Einwickelpapier von Süßigkeiten oder (Husten-)Bonbons bis hin zu Klingeltönen des Smartphones oder Handys. Letzteres werden Sie selbst stummgeschaltet während der Vorstellung nicht für das Versenden von Kurznachrichten oder das Abrufen eingegangener Nachrichten beziehungsweise irgendwelcher Aktivitäten im Internet nutzen. Sie wissen, dass allein der Lichtschein des Displays oder die Bewegungen der Hand beim Eintippen in das Gerät Nebensitzende stören können.
Mit diesen ein „Nutzungs-Arrangement“ über die Armlehnen zu treffen, statt beide während der ganzen Vorstellung für sich allein zu beanspruchen, zählt für Sie zur selbstverständlichen Höflichkeit. Ist es notwendig, wegen eines Hustens zu dämpfenden Bonbons zu greifen, haben Sie vorgesorgt und solche eingesteckt, die ohne Knistergeräusche ausgepackt werden können. Bei schwereren Erkältungskrankheiten verschieben Sie aus Rücksicht auf andere Ihren Theaterbesuch, bis Sie wieder gesund ist.

Applaus
„Applaus ist das Brot des Künstlers“ beschreibt es ein altbekannter Satz. Dass darin die Künstlerrinnen eingeschlossen sind, versteht sich von selbst. Das Deutsche Theater in München hat diesen Ausspruch in einer Publikation einmal erweitert auf: „… beziehungsweise die Wurst auf dem Brot.“ Wenn es Ihnen gefallen hat, geizen Sie also, bitte, nicht – weder mit Brot noch mit Wurst. Dass Bravo-Rufe und eine Standing-Ovation zum Schluss-Applaus als lobende Äußerungen des Publikums aufgefasst werden, ist unbestritten. Ob Pfiffe ebenso eingestuft werden, bleibt hier im Gegensatz zur Pop-Konzert-Szene zweifelhaft.
Und ob es wirklich notwendig ist, das Missfallen an einer Inszenierung oder der Leistung von Darstellenden durch Buh-Rufe kundzutun, scheint sehr fraglich. Ausbleibender Applaus hätte dieselbe Signalwirkung und wäre weniger angreifend.

Über den AUI
Das erste Gremium hieß „Fachausschuss für Umgangsformen“. Es wurde 1956 von Tino Schneider (Tanzlehrer ADTV, Vater von Inge Wolff) und Hans-Georg Schnitzer (Journalist) gegründet und agierte in Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (ADTV). Die Arbeit dieses Gremiums endete gezwungenermaßen durch schwere Krankheit des damaligen Lektors in den Jahren 1984-1986.

Auf Drängen der Medien, wieder eine Anlaufstelle für Auskünfte zum Thema „moderner Knigge“ zu haben, kam es zu einer Neugründung. Im August 1989 konstituierte sich der „Arbeitskreis Umgangsformen International“ (AUI), der wieder in Kooperation mit dem ADTV arbeitet, mit neuen Mitgliedern unter diesem neuen Namen.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen alle aus Berufen, die sich viel mit Umgangsformen beschäftigen. Der „Arbeitskreis Umgangsformen International“ hat zurzeit 17 Mitglieder aus dem europäischen Ausland und aus Deutschland. Seine Empfehlungen beziehen sich dennoch ausschließlich auf Verhaltensformen in Deutschland

Seit 2008 bietet Inge Wolff, Vorsitzende Arbeitskreis Umgangsformen International, eine Fort- und Weiterbildung zum „Business-Knigge-Coach“ auf der Basis der Empfehlungen des AUI einschließlich psychologischer Hintergründe für Verhaltensformen der Menschen an. Nach fünf mehrtägigen Ausbildungsmodulen haben inzwischen 48 Trainerinnen und Trainer in den Jahren 2009 bis 2015 die Ausbildung zum „Knigge-Coach“ mit dem Zertifikat des AUI abgeschlossen. Sie bilden sich in jährlich stattfindenden Supervisionsseminaren kontinuierlich weiter.


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Über Danny Morgenstern

Danny Morgenstern ist Business-Knigge-Trainer, schult Dienstleister in psychologisch fundierten Seminaren mit den Themenschwerpunken “Moderne Umgangsformen”, Körpersprache, Kommunikation, Motivation und Umgang mit Kunden. Ferner war und ist Morgenstern als Moderator, Kolumnist und Autor tätig. Kein deutscher Autor hat mehr zum Thema James Bond veröffentlicht als Danny Morgenstern. Als Initiator des World Freeze Day hat der Braunschweiger in den vergangenen Jahren außerdem deutschlandweit für Schlagzeilen gesorgt.

Kategorie:CheckOut, Kolumnen, Topstories
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