„Karjakin hat gute Chancen auf den Titel!“

Die Schach-WM-Kommentatoren Melanie und Nikolas Lubbe im Gespräch über den Ausgang des Spiels, die Frauenquote und ihre größten Erfolge

Die Braunschweiger Melanie und Nikolas Lubbe kommentieren jedes Spiel der aktuellen Schachweltmeister-WM - mit Tausenden von Zuschauern. Foto: Privat

Bis zum 30. November läuft sie noch, die Schach-Weltmeisterschaft in New York: Dann entscheidet sich, welcher König die Nase vorn hat – Titelverteidiger Magnus Carlsen oder sein Herausforderer Sergei Alexandrowitsch Karjakin. Die Braunschweiger Melanie und Nikolas Lubbe spielen selber Schach auf Bundesliga-Niveau. Auf chess24.de, dem großen deutschen Schach-Portal, kommentieren sie im Live-Stream die WM; bis zu sieben Stunden am Stück mit einer Klickzahl von mehr als 20.000 Zuschauern. Im szene38-Interview sprechen die beiden über ihre Einschätzung der aktuellen WM, ihre große Leidenschaft und die Frauenquote beim Schach.

Melanie, Nikolas, ihr spielt seit Kindertagen Schach, was fasziniert euch besonders an diesem Spiel?

Nikolas: Mich faszinierte von Anfang an die Vielseitigkeit des Schachspiels. Beginnt man mit dem Schach, so lernt man zunächst die Regeln. Die Regeln im Schach sind wirklich überschaubar, schnell zu erlernen und definieren die erlaubte Zugweise der Figuren. Daraus ergibt sich aber bereits nach wenigen Zügen ein unüberschaubares Meer an Möglichkeiten und bis auf das Ziel (Matt setzen) ist jede Partie einzigartig – es wird wirklich nie langweilig. Zudem trainiert das Schachspielen das logische und zielorientierte Denken, was auch im Alltag nicht schaden kann.

Melanie: Mich reizen vor allem die kognitive Herausforderung sowie der Wettkampfgedanke sehr. Schach ist eine Sportart, in der der Mensch keine Perfektion erreichen kann – das macht sie sehr spannend und abwechslungsreich. Außerdem ist es faszinierend, wie man mit größerer Erfahrung und Spielstärke immer mehr Zusammenhänge versteht, sich aber auf der anderen Seite auch immer wieder neue Fragen und Probleme auftun, die es zu lösen gilt.

Seit dem letztem Jahr seid ihr verheiratet. Habt ihr euch auch über das Schachspielen kennengelernt?

Nikolas: Erst vor wenigen Jahren hat Melanies Mutter beim Stöbern in Kinderalben ein Bild gefunden, auf dem wir bei den Deutschen Meisterschaften der unter 10-Jährigen nebeneinander sitzen. Wir kannten uns zwar noch nicht, aber ohne unsere gemeinsame Leidenschaft für das Schachspiel hätten wir uns wohl nicht kennengelernt.

Melanie: … was sehr schade gewesen wäre!

Wie kam es, dass ihr auf chess24.de die Weltmeisterschaften 2016, die gerade in New York stattfinden, im Live-Stream kommentiert?

Nikolas: Vor ein paar Jahren wurde chess24 ins Leben gerufen, mit dem Ziel dieser uralten Sportart ein zeitgemäßes Portal zu bieten. Melanie war damals eine der ersten Werbeträger und Content-Producer für den deutschsprachigen Raum. Kurze Zeit später begann ich ebenso mit der Produktion von Trainingsvideos und so intensivierte sich unsere Zusammenarbeit über die Jahre. Die Schach-WM für den deutschsprachigen Raum kommentieren zu dürfen, ist natürlich eine absolute Ehre für uns und wir freuen uns sehr über diese Möglichkeit.

Ihr analysiert dort das Spiel zwischen Titelverteidiger Magnus Carlsen und seinem Herausforderer Sergei Karjakin. Was glaubt ihr, wer letzten Endes gewinnt?

Melanie: Nunmehr sind acht von maximal zwölf Runden gespielt. In jeder Runde wird um einen Punkt gespielt, wobei 6,5 Punkte den Gesamtsieg bedeuten. Anfangs waren wir, sowie auch andere Kenner der Szene davon überzeugt, dass Magnus Carlsen seinen Titel verteidigen wird. Nach acht Runden hat der Herausforderer allerdings einen Sieg einfahren können, alle übrigen Partien sind Unentschieden ausgegangen. Beim Schach auf Weltklasseniveau ist die Fehlerquote sehr gering, daher enden Partien sehr oft im Unentschieden. Die Wahrscheinlichkeit weiterer vier Remisen ist hoch, Sergei Karjakin hat daher nun gute Chancen auf den Titel.

Sieben Stunden am Stück – so lange dauert mitunter eine Partie. Ihr seid die ganze Zeit dabei und rechnet Spielzüge nach. Wie schafft man es, sich so lange zu konzentrieren?

Nikolas: Jede Menge Übung. Eine mehrstündige Schachpartie erfordert ein hohes Maß an Konzentration und Denkarbeit. Daher ist es wichtig, zwischendurch kleine Pausen einlegen, um dem Geist eine Erholung zu gönnen.

Melanie: Ich versuche zudem mich auch körperlich fit zu halten und vor allem während eines Turniers in guter Form zu sein – das hilft dabei auch nach vielen Stunden hochkonzentriert zu bleiben.

Ihr selbst spielt Schach auf Profi-Niveau. Was waren eure größten Erfolge?

Nikolas: Neben dem Erringen vom Deutschen Meistertitel in der Jugend und guten Platzierungen auf Europa- und Weltmeisterschaften bin ich besonders stolz darauf, den Titel des Landesmeisters der Herren in Niedersachsen viermal nacheinander gewonnen zu haben. Vielleicht wäre es zu einem neuen Rekord in der Verbandsgeschichte gekommen, aber die Liebe hat mich schachlich in einen neuen Landesverband (Hessen) gelockt.

Melanie: Meinen größten Erfolg habe ich bei der Mannschaftseuropameisterschaft 2011 in Porto Carras erzielt. Hier konnte ich am dritten Brett die Silber-Medaille gewinnen.

Auf dem Feld ist die Dame die mächtigste Figur. Wie kommt es, dass Schach als Männersport gilt? Sind Männer die besseren Strategen?

Melanie: Es gibt tatsächlich erstaunlich viele wissenschaftliche Untersuchungen zu quantitativen und qualitativen Unterschieden zwischen Männern und Frauen im Schach. Ich bin der Meinung, dass Leistungsunterschiede vor allem auf statistische Ursachen zurückzuführen sind. Nur ca. sieben Prozent aller Schachspieler sind weiblich. Da ist es nicht verwunderlich, dass Frauen in der Spitze nur vereinzelt anzutreffen sind. Die geringe Anzahl an Schachspielerinnen könnte u.a. mit unserer Sozialisierung erklärt werden. Schach gilt als aggressives „Kriegsspiel“, was stereotyp als „unweiblich“ angesehen wird. Die Unterrepräsentation der Frauen verstärkt das männliche Image wiederum – ein Kreislauf, den es zu durchbrechen gilt.

Ihr beide lebt in Braunschweig. Wie ist die Region im Schachsport aufgestellt?

Nikolas: Braunschweig ist durchaus eine attraktive Region für Schachspieler! Neben einigen guten Vereinen gibt es hier die Schachhochschule Braunschweig, die das Konzept der Erwachsenenbildung auf das Schachspiel überträgt. Ich selber bin dort neben erfahrenen Meisterspielern aus ganz Deutschland regelmäßig Gastdozent und freue mich immer sehr über die schachbegeisterten Braunschweiger. Mit dem SK Lehrte gibt es zudem einen Verein in der Region, der beispielhafte Mädchen- und Frauenarbeit leistet und sogar in der 1. Frauenbundesliga spielt. Erst kürzlich wurde der Verein dafür mit dem Qualitätssiegel der Deutschen Schachjugend ausgezeichnet.

Was ratet ihr Anfängern, die mit Schach beginnen wollen? Bücher lesen oder eher nach dem Motto „Übung macht den Meister“?

Nikolas: Auch hier macht es die Mischung. Nur in der Theorie zu versinken hilft einem in der Praxis wenig. Ebenso wenig hilft es, die gleichen Fehler immer wieder zu machen. Am schnellsten und effektivsten lernt man, indem man Praxiserfahrung sammelt und konstruktive Selbstkritik am eigenen Spiel betreibt.

Was macht ihr, wenn ihr nicht Schach spielt oder Weltmeisterschaften kommentiert?

Nikolas: Das Schachspiel in allen Facetten nimmt einen wirklich großen Teil unserer Zeit ein, aber hauptsächlich widme ich mich derzeit meinem Jurastudium. Ansonsten verreisen wir sehr gerne oder verabreden uns mit Freunden. Gelegentlich streuen wir dann noch das ein oder andere actionreiche Event wie Fallschirmspringen, Wasserski fahren oder Ähnliches ein.

Melanie: Ich bin mit meinen Vollzeitjob als Personalrecruiterin sehr gut ausgelastet. Zudem bin ich ehrenamtlich Vorstandsmitglied der Deutschen Schachjugend und versuche in diesem Rahmen Schach für Mädchen und Frauen in Deutschland attraktiver zu machen. Entspannung finde ich mit regelmäßigem Ausgleichssport wie Joggen, Fahrrad fahren oder Kraftsport.

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