„Jeder hat Angst, dann als Nazi dazustehen“

Braunschweiger Poetry Slam-Veranstalter Patrick Schmitz redet Klartext

Patrick Schmitz kennt das Poetry-Business wie seine Westentasche. Foto: Holger Isermann

Patrick Schmitz kennt das Poetry-Business wie seine Westentasche. Foto: Holger Isermann

Der erste Braunschweiger Poetry Slam fand 1998 statt. 2018 feiert der beliebte Dichterwettstreit runden Geburtstag. Wir sprachen mit Veranstalter und Slam Master Patrick Schmitz von Pop(p)in‘ Poetry über den Untergrund, Herzschmerzlyrik und die wahren Größen der Szene.

Patrick, der Braunschweiger Poetry Slam feiert 20. Geburtstag! War auf der Bühne früher mehr Konfetti?
Es war komplett chaotisch! Wenn du auf die Bühne gingst, bist du da nicht wieder runtergekommen, ehe sich nicht das Publikum eingemischt hat. Immer hat irgendwer ‘was dazwischen gerufen, die waren thematisch voll dabei! Das macht heute keiner mehr. Das Publikum ist brav geworden und will unterhalten werden. Heute ist die Masse da.

… etwas wehmütig angesichts der alten Zeiten?
Logisch, manchmal wünscht man sich die zurück! Früher war es inspirierender, aber es gab in Deutschland auch nur circa 150 Slammer. Jetzt sind es bestimmt 2.000.

Was macht das mit der Slam-Kultur?
Die Anhängerschaft wächst, die deutsche Slam-Szene ist international die stärkste. Aber das Niveau verflacht und der innovative Untergrund ist verdammt schwer zu finden. Nirvana zum Beispiel, das ist nicht Underground, das ist nostalgisches Festhalten an etwas Gestrigem – und inszwischen gelebte Popkultur. Diese fehlende Innovation gibt‘s leider auch im Poetry Slam …

Poetry Slam ist teils als Plattform pseudo-intellektueller Selbstdarsteller verschrien. Ist da ‘was dran?
Die erfolgreichsten Slammer sind nicht automatisch die besten. Zudem werden sie immer jünger und sind total auf Sieg gepolt. Durch den Internet-Hype fühlen sich generell mehr Leute zum Künstler berufen, ohne sich einmal kritisch zu hinterfragen. Und irgendeiner klatscht immer. Auf YouTube findest du mindestens einen, dem ‘s gefällt.

Wie selten sind kreative Talente geworden?
Ein Zehntel aller Slammer hat Potential …

Überraschend wenig! Welche sind denn die wahren Helden der Szene?
‚Ne große Nummer ist Till Reiners, gute politische Texte. Dann Frank Klötgen. Sebastian Hahn ist einfach nur lustig. Kaleb Erdmann ist böse sarkastisch – richtig gut!

… wo sind da die Frauen?
Ninia Binias! Hazel Brugger! Nora Gomringer!

Was machen die besonders, oder anders: Was bietet ein guter Poetry Slam?
Das Entscheidende ist der eigene Stil, man muss erkennen, dass die Texte eine deutliche persönliche Handschrift haben. Ich selbst mag politische und lyrische Sachen, aber auch gute Geschichten. Nur bitte keine Befindlichkeitstexte …

… und worauf steht die Region?
Wenn die Texte gut gemacht sind, interessiert das Thema nicht. Lustig ist immer gut, aber auch vernünftig gemachte ernste Sachen funktionieren. Unsere Specials sind auch beliebt, zum Beispiel unser Erotik-Slam letztens.

Inwiefern sind die Slams auch politische Veranstaltungen – und ist das überhaupt gewollt?
Ja, aber bitte gut recherchiert. Ich habe keine Lust auf flache Texte. Wenn Slammer keinen Erfolg mehr haben, probieren sie sich häufig an politischen Themen linker Gesinnung. Das funktioniert – egal wie schlecht die Texte sind. Ich wünschte, das Publikum würde da kritischer bewerten, aber jeder hat Angst, durch eine schlechte Bewertung dann gleich als Nazi dazustehen. Aber man darf schlechten Leuten durchaus auch sagen, dass sie schlecht sind.

Welche war deine absoluten Highlights der vergangenen Jahre?
Die Niedersachsenmeisterschaft war eines. Oder der Songslam im Hallenbad Wolfsburg! Die Songslammer-Szene ist einfach fresher. Durch Instrumente und Gesang bekommt das Ganze ein bisschen mehr Vielfalt.

Was wünscht du dir generell für die Slammer-Szene?
Dass die Leute den Blick auf den Sieg verlieren. Die Wertung ist was fürs Publikum, der Contest connectet die Crowd – aber sie ist kein Maßstab für Qualität. Die Slammer sollten sich mehr auf den Inhalt als auf den Hype konzentrieren.

Der nächste Braunschweiger Poetry Slam findet am 5. Januar 2018 im Roten Saal in Braunschweig statt. Beginn ist um 20 Uhr. Tickets für die Veranstaltung gibt es an folgenden Vorverkaufsstellen: Café Riptide, Leseratte, Petite Crêperie und online beim Verlag Andreas Reiffer (www.verlag-reiffer.de).

Kategorie:CheckOut, Comedy, Kunst & Kultur, Szene-News, Topstories
Tags:, , ,





Facebook

Anzeige