Direkt und schonungslos

Die Poetry-Slam-Landesmeisterschaften steigen am 29. und 30. September in der Region

Wort- und gestenreich tragen Slammerinnen und Slammer im Rahmen der Poetry- Slam-Landesmeisterschaften ihre Texte vor. Foto: Yvonne Salzmann

Kein studierter Dichter und Denker oder hochdekorierter Intellektueller hat vor über 30 Jahren den Poetry Slam erfunden, sondern ein einfacher Bauarbeiter, der gerne Gedichte schrieb. Marc Kelly Smith veranstaltete in der Get Me High-Lounge im Chicagoer Stadtviertel Bucktown Poetry-Lesungen (sogenannte „Pong Jams“, eine sprachliche Kreuzung aus Poem und Song), aus dem sich 1986 die erste Literaturveranstaltung im Format eines Poetry Slam entwickelte.

Literarischer Schlagabtausch
Ein Poetry Slam (to slam – englisch: zuschlagen; zerschmettern; Volltreffer; Schlagabtausch) ist ein literarischer Vortragswettbewerb, bei dem selbstgeschriebene Texte innerhalb einer bestimmten Zeit einem Publikum vorgetragen werden. Diese werden durch performative Elemente und die bewusste Selbstinszenierung des Vortragenden ergänzt. Anschließend küren die Zuhörer den Sieger. Noch im selben Jahr zog die Veranstaltungsreihe, die sich auf die Tradition der Dichterwettbewerbe, die bis in die Antike zurückzuverfolgen sind, berief, weiter in die Bar Green Mill, einem der ältesten Jazz-Clubs der USA. Dort findet diese noch heute wöchentlich statt. „Mich interessierte vor allem der Umgang mit Sprache und die damit verbundenen Gefühle, die ein Gedicht bei mir und anderen auszulösen in der Lage war. Was ich jedoch niemals verstehen konnte, war die Art der Textvorträge und die Orte, an denen sie abgehalten wurden“, erklärte Smith in einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk. Seine Veranstaltungen inszenierte er in einer schummrigen Bar, in der man auch den Rest des Abends angenehm miteinander verbringen kann, anstatt in der sterilen Atmosphäre eines nüchternen weißen Raums mit vielen Stuhlreihen (wo sie heute ironischerweise aber mittlerweile oft stattfinden).

Von Chicago in die Welt hinaus
Von Chicago breitete sich die Slam-Bewegung binnen weniger Monate zunächst nach San Francisco und New York, schließlich in den ganzen USA aus. Ab 1990 fanden jährlich „National Poetry Slams“ statt und der Musiksender MTV führte mit MTV Poetry Unplugged ein Format ein, das den Dichterwettstreit auch durch das Fernsehen bekannt machte. 1993 existierten bereits in 19 Staaten der USA Poetry Slams, bald wurde die Sache international – weltweit entstanden Veranstaltungen. Zuerst in Kanada, Schweden, Holland, Deutschland, Dänemark und Japan. Später folgten dann Italien, Frankreich, die Schweiz und viele weitere Länder.

Das kritische Publikum stimmt ab. Jeder Performer auf der Bühne erhält das Feedback – direkt und schonungslos. Foto: Yvonne Salzmann

Poetry Slam in Deutschland
Vor allem in Deutschland ging die Slam-Saat besonders gut auf. Die deutschsprachige Szene gilt heute, nach der englischsprachigen, als die zweitgrößte der Welt. Kaum eine andere Veranstaltung schafft es hier, Kunst und Unterhaltung auf solch einzigartige Weise zu vereinen, literarische Inhalte so direkt zu vermitteln, den Nerv der Zeit so genau zu treffen, wie ein Poetry Slam. Zudem erhält jeder mutige Performer auf der Bühne das Feedback – direkt und schonungslos.

Mal ist es bei den Auftritten atemberaubend leise, mal tosend laut. Mal ist es zum Schreien komisch, mal bitter ernst, nicht selten eine literarische Achterbahnfahrt. Dem Textvortrag sind dabei keinerlei Grenzen gesetzt: Von Stand-up-Comedy bis zur literarischen Comedy, von Lyrik bis Rap und Performance-Prosa bis hin zur klassischen Kurzgeschichte ist alles erlaubt, was dem leidenschaftlichen Auftritt Schliff, Rasanz und literarische Trefferquoten verleiht.

Packende Dichterwettstreite finden nun auch wieder in der Region statt: Die 30 besten Slammerinnen und Slammer Niedersachsens und Bremens duellieren sich im Rahmen der Poetry- Slam-Landesmeisterschaften wort- und gestenreich am 29. September 2017 bei den Vorrunden in Wolfsburg, Braunschweig und Helmstedt, um einen der neun begehrten Finalplätze zu ergattern. Das große Finale findet am 30. September 2017 im Wolfenbütteler Lessingtheater statt und wird durch ein Rahmenprogramm ergänzt. Ab 14 Uhr öffnet auf dem Theatervorplatz ein Street Food Market mit ausgewählten Spezialitäten. Zudem präsentieren sich Musiker, Poetry Slammer und andere Akteure auf einer kleinen Bühne vor dem Theater, um die Besucher schon einmal auf das Landesmeisterschaftsfinale einzustimmen. Mit dabei sind dort unter anderem der Gewinner des Braunschweiger und Wolfsburger Song Slams, Jakob Mayer aus Mannheim, sowie der amtierende Landesmeister von 2016, Florian Wintels aus Hannover. Wort ab!

Die Vorrunden:
29. September 2017, jeweils 20:00 Uhr
LOT-Theater Braunschweig
Hallenbad Wolfsburg
Roxy Kino Helmstedt

Das Finale:
30. September 2017, 19:30 Uhr
Lessingtheater Wolfenbüttel
Street Food Plaza mit Open Stage (Eintritt frei)

30. September 2017, 14:00 Uhr
Platz vor dem Lessingtheater Wolfenbüttel

Die After-Show-Party:
Samstag, 30 September 2017, 22:00 Uhr
Cafe Riptide Braunschweig

Kategorie:CheckOut, Topstories





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