„Es gab viele Missverständnisse“

„Drei von Sinnen"-Protagonist David Stumpp im Interview

Die drei Affen hatten nicht immer was zu lachen: David Stumpp, Bart Bouman und Jakob von Gizycki. Foto: Artvid Productions

Weder sprechen, hören noch gucken – da muss man erstmal schlucken, denn ein Sinn fehlt immer. In der Doku „Drei von Sinnen“, die am 21. April 2017 auf der SocialMovieNight in Braunschweig gezeigt wird, wagen drei Männer ein bemerkenswertes Experiment: Sie gehen abwechselnd blind, stumm oder taub auf einen Trip vom Bodensee bis zum Atlantischen Ozean – viel zu Fuß, per Bus oder Anhalter. Wie man zu so etwas kommt und was man dabei erlebt – wir sprachen mit Protagonist und Produzent David Stumpp über Einsamkeit und Abenteuer, große Herausforderungen und wortwörtlich blindes Vertrauen.

David, weiß man mit seiner Zeit nichts Besseres anzufangen oder warum reist man vollkommen von Sinnen 1.000 Kilometer durch die Gegend?

Die Idee entstand in einem nächtlichen Telefonat zwischen Bart und mir. Wir unterhielten uns darüber, dass wir auf einer Reise neue Gerüche, neue Gerichte, Landschaften und Menschen über unsere Sinne wahrnehmen. Bart kam dann ganz spontan das Bild der drei Affen, das uns inspirierte zu dritt diese Reise zu machen. Die Idee ließ uns nicht mehr los: Was passiert auf einer Reise, wenn wir unserer Sinne nur eingeschränkt nutzen können? Wie nehme ich zum Beispiel unbekannte Menschen wahr, wenn ich sie nicht sehe?

Und was ist passiert?  Wie lief die Kommunikation zwischen euch ab? 

Die Kommunikation war erst einmal schwierig. Stellte der Nicht-Sehende beispielsweise eine Frage, hörte der eine sie nicht. Derjenige, der sie hörte, durfte nicht antworten. Mit der Zeit wussten wir uns aber immer mehr zu helfen: Mit einer Zeichensprache, einer Schrifttafel, mit neuen Codes und Kniffen. Es gab dennoch viele Missverständnisse, die wir immer wieder aus dem Weg räumen mussten.

Sieht und hört die Welt jetzt mit anderen Augen (und Ohren): David Stumpp. Foto: Privat

Was war das eindrücklichste Erlebnis eurer Reise?

Es gab viele schöne Erlebnisse. Für mich war es die Zeit, in der ich als Nicht-Sehender durch Südfrankreich wanderte. Wir schliefen draußen, meist ohne Zelt, fuhren Kanu. Und sehr spannend: Obwohl ich nicht sah, habe ich eine visuelle Erinnerung an diese Zeit, hab ein klares Bild von Landschaften und Menschen. Auch das Hören wurde intensiver: Auf dem Jakobsweg kamen wir spontan in eine Kirche und hörten einem Chor zu: Noch nie habe noch so bewusst und intensiv Musik wahrgenommen.

Sind auch gefährliche Situationen entstanden? Wie habt ihr sie gemeistert?

Es gab glücklicherweise nie eine wirkliche Gefahrensituation. Herausfordernd war es aber in Städten – wir mussten denjenigen, der vorübergehen blind war besonders im Auge behalten, z.B.  in der U-Bahn, oder als wir eine Straße überquerten.

Auf welchen Sinn konntest du am leichtesten verzichten; was fiel dir schwer?

Entgegen unseren Erwartungen war das Nicht-Hören die größte Herausforderung. Aus zwei Gründen: Die großen Kopfhörer drückten auf den Schädel und das permanentes Rauschen, das sie spielten, war zeitweise nervtötend. Viel schwieriger war aber die Isolation: Obwohl wir zu dritt unterwegs waren, fühlten wir uns einsam, getrennt von den Freunden und den Menschen, denen wir begegnet sind.

Nicht immer lief alles rund … Foto: Artvid Productions

Habt ihr Ausnahmen gemacht oder habt ihr strikt eine Woche lang auf einen Sinn verzichtet?

Wir haben uns vorgenommen, keine Ausnahme zu machen. Die Augenpflaster blieben Tag und Nacht auf den Augen, es gab beim Nicht-Sehen also keine Ausnahme. In der Woche, in der wir schwiegen, sind jedem von uns mal ein, zwei Worte rausgerutscht. Mir ist das mal passiert, als ich Bart, der nichts sah, begleitete und er sich an einer Zeltstange den Kopf anschlug. Da rutschte mir „Oh, sorry” heraus.

Wie haben Leute auf euch Drei reagiert, denen ihr während des Trips begegnet seid?

Die Menschen waren meist neugierig und wollten mehr über unser Experiment erfahren. Es gab aber auch eine kritische Stimme, die meinte, es gäbe andere Arten, Menschen mit Behinderungen zu helfen. Hätten wir das als Projekt für Menschen mit Behinderungen angedacht, kann man ihr Recht geben. Unser Anspruch an die Reise war aber ein anderer: Es war ein Selbsterfahrungstrip, den wir aus eigener Neugierde gemacht haben. Nicht um herauszufinden, wie es ist, taub, blind oder stumm zu sein. Darüber können wir nichts sagen – wir hatten im Gegensatz zu Betroffenen jederzeit die Möglichkeit, unser Handicap wieder abzulegen.

Wie hast du dir die Reise vor eurem Aufbruch vorgestellt? Und was nimmst du jetzt rückblickend mit?

Ich habe mir einen sommerlichen Roadtrip vorgestellt, auf dem wir viel experimentieren, Neues über unsere Sinne erfahren  und lernen, neu zu kommunizieren. Es war zwar Sommer, aber es hat fast zwei Wochen geregnet. Nicht einfach, wenn man im Zelt unterwegs ist. Es war auch konfliktreicher, als wir uns das vorgestellt haben. Über uns haben wir trotzdem sehr viel gelernt. Und im Nachhinein war es die spannendste Reise, die ich bisher gemacht habe. Wir haben gelernt, Dinge bewusster wahrzunehmen, anderen wirklich zu vertrauen. Und einmal so eingeschränkt zu reisen, hat uns gezeigt, wie einfach unser Alltag doch ist. Unsere Achtung und Mitgefühl für Menschen, die mit diesen Herausforderungen alltäglich umgehen, ist durch die Reise nachhaltig gewachsen.

Mit Händen und Füßen kommunizieren – das können die Drei jetzt. Foto: Artvid Productions

Hat sich das Verhältnis zu deinen Freunden auf dieser Reise verändert?

Es gab den ein oder anderen Streit auf der Reise. Grund waren die Missverständnisse, die durch unsere eingeschränkte Kommunikation entstanden sind. Im Nachhinein konnten wir aber über viele Situationen lachen. Geblieben ist, dass Ich habe zwei Freunde habe, denen ich wortwörtlich blind vertrauen konnte. Am Ende hat uns die Reise noch mehr zusammengeschweißt.

Ein Erlebnis, auf das du definitiv hättest verzichten können …?

Auf den Dauerregen. Es war der regenreichste Sommer seit Jahrzehnten.

Würdest du so etwas noch einmal machen, bzw. würdest du so ein Experiment jemand
anderem empfehlen?

Es war die anstrengendste, aber auch bereicherndste und interessanteste Reise, die ich je gemacht habe. Noch einmal will ich die Reise nicht machen, nicht weil ich sie bereue, sondern weil erlebt habe, was ich mir gewünscht habe und es in vielen Bereichen eine Wiederholung wäre. Empfehlen kann ich dieses Experiment jeden, weil es unsere Empathie schult, Mut erfordert und eine schöne Übung in Vertrauen und Geduld ist. Aber ob man das gleich drei Wochen machen muss und dabei an den Atlantik reist, ist eine andere Frage …

Kategorie:CheckOut, Topstories
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