Destillierte Momentaufnahmen

Interview: The Esprits, Braunschweigs neue musikalische Hoffnungsträger, veröffentlichen ihr zweites Album

The Esprits sind Till (Gitarre), Mr. Big Oh (Bass), Roman (Gesang & Gitarre) und Al (Schlagzeug). Foto: Vincent Krunes

Die zurzeit aufregendste und aufstrebendste Band der Region sind The Esprits aus Braunschweig. Vier smarte, stilsichere Jungs, die sich mit viel Fleiß, Leidenschaft und Sexappeal und einer mitreißenden Mischung aus rauem Rock’n’Roll, eingängigem Pop und massenhaft Melodien seit 2013 ins Rampenlicht gespielt haben. Nach Gigs in ganz Deutschland und voriges Jahr bei „Pop meets Classic“ in der ausverkauften Volkswagen Halle, erscheint am 18. Mai nun ihr zweites Album „Men’s Business“.

Ihr habt in den vergangenen drei Jahren deutschlandweit in zahlreichen kleinen Klubs und auf großen Festivals gespielt. Was waren die schönsten und was die schlimmsten Erfahrungen?

Das schlimmste Erlebnis war mal bei einem Konzert in einer der Biohochburgen Deutschlands. Wir haben uns auf einen feuchtfröhlichen Abend gefreut und bekommen haben wir die Frage, ob wir leiser machen können, da man sich an den Stehtischen nicht so gut unterhalten könne. Die schönsten Erlebnisse sind meistens die, bei denen es genau andersherum läuft. Also bei denen man nichts erwartet und alles bekommt.

Was konntet ihr von den etablierten Künstlern, die ihr getroffen habt, lernen?

Lernen konnten wir, wann es Zeit für die Show ist und das hinter der Bühne kein Platz für Starallüren und große Egos sein sollte. Manche haben uns das vorgelebt, andere sind als schlechtes Beispiel vorangegangen.

Wie reagieren eure Familie und Freunde auf eure bisherigen Karriereschritte?
Die freuen sich natürlich mit jedem Stück mit dem das Ding wächst. Und wenn es mal nicht so läuft, dann unterstützen sie uns, wo sie können.

Viele Künstler geben irgendwann auf, wenn der Erfolg ausbleibt. Was treibt euch an immer weiterzumachen?
Uns ging und geht es immer um die Sache. Erfolg ist schön, aber wenn es nur darum geht, sollte man lieber aufhören. Natürlich bekommt man auch automatisch den einen oder anderen Tiefschlag verpasst. Verloren hast du dann, wenn du liegen bleibst. Und damit das nicht passiert, ist die Gang da.

Im Jahr 2016 ist euer Debüt-Album „Stay a Rebel“ erschienen. Was wolltet ihr mit eurem neuen Album anders und besser machen?

Bei „Men’s Business“ haben wir uns zwei Ziele gesetzt: Wir wollten einen noch klareren roten Faden und wir wollten uns nicht wiederholen. Das erste Album entstand über Jahre hinweg, ist also eher ein Mixtape, dass die gesamte Zeit von der Bandgründung bis hin zu dem Punkt, an dem wir wirklich in ein Studio gingen, reflektiert. Das sind alles Songs, die auch live „gereift“ sind. Beim zweiten Album fingen wir mit einem leeren Blatt Papier an und hatten eine Deadline. Das ist natürlich stressiger, hat aber durchaus auch seine positiven Seiten, da man intensiver und kompakter am Gesamtkunstwerk Album arbeiten kann. Man kann sagen, dass das „Men’s Business“ eine sehr destillierte Momentaufnahme ist.

Wer ist der seltsame Mann, der im Song „Men’s Business“ in einem Schloss in eurem Kopf lebt?

Dieser Mann, der in uns allen lebt und niemals aufhört zu kritisieren. Er nervt und bringt uns dazu, dumme Dinge zu tun.

Grüne Hosenträger habt ihr zu euren Markenzeichen gemacht. Nun posiert ihr in schicken Herren-Outfits mit Westen und Einstecktüchern. Warum der Stilwechsel?

Wir haben bei „Men’s Business“ vieles weitergedacht und so auch bei den Outfits. Die grünen Hosenträger markieren für uns einen ganz bestimmten Abschnitt in der Bandgeschichte. Nämlich den von unserer Gründung bis hin zu „Stay a Rebel“ und jetzt beginnt wieder ein neuer Abschnitt. Nichtsdestotrotz werden die grünen Hosenträger immer zu uns gehören und das ist auch gut so!

Ähnlich smart wie ihr ist die schwedische Rock’n’Roll-Truppe The Hives. Sind die Jungs modische und musikalische Vorbilder?

Ach, es gibt viele Bands, die uns inspirieren, aber so direkte Vorbilder haben wir eigentlich nicht. Denen eifert man meistens nach und das wollen wir nicht.

Wie aufwändig war das Cover-Foto-Shooting? Wie wichtig ist euch das Visuelle?

Das Visuelle spielt für uns eine große Rolle. Wir wollten mit „Men’s Business“ wieder etwas Wertiges schaffen. Da musst du an alles mit dem höchstmöglichen Anspruch herangehen. Nachdem die Idee stand, haben wir sie unseren Buddys von der Braunschweiger Agentur Jungtrieb vorgestellt und die waren sofort Feuer und Flamme. Danach ging das Ding seinen gewohnten Gang. Alles an Herzblut was geht und wenig Schlaf. Die ganz bescheuerten Ideen brauchen nämlich immer die größte Aufmerksamkeit.

Was symbolisiert der Herr mit Perücke und Rock auf dem Cover?

Der symbolisiert „Men’s Business“. Frauen können sich eben nicht als Frauen verkleiden, das können nur Männer.

Was hat der amerikanische DIY-Kult-Maler Bob Ross im Booklet zu suchen?

Bob Ross steht für uns dafür, sein Ding durchzuziehen. In seiner Karriere sind bestimmt viele Leute zu ihm gekommen, die gesagt haben: „Das mit Landschaften…lass das, das bringt doch nichts“. Und heute hat er es in unser Artwork geschafft.

Auf 91 Prozent der Ross-Bilder ist mindestens ein Baum zu sehen. Auch bei euch. Was mögt ihr an ihm und seiner Kunst?

Wir haben uns gefragt, wie würde Bob Ross uns wohl malen? Er würde wohl wieder sein Ding durchziehen und eine Landschaft malen.

Euer Album startet mit dem Song „Waste“. Ist das eure Antwort auf den DAF-Klassiker „Verschwende deine Jugend“?

Jetzt wo du es sagst…nein, Quatsch. In dem Song geht es um eine wechselseitige Anerkennung und positive Form von gemeinsamer Zeitverschwendung. Das Publikum schenkt uns seine Zeit, um uns zu sehen und erwartet deshalb von uns eine gute Show. Wir erwarten von ihnen auch immer eine top Performance. „Waste“ spielt auch darauf an, dass vieles, was heutzutage als „Verschwendung“ gesehen wird, keine ist. Allerdings ist dein Leben ziemlich öde, wenn du nicht hin und wieder alles über Bord wirfst und dir zum Beispiel mal die Seele aus dem Leib tanzt.

Eure Generation wird u.a. dafür kritisiert, dass sie überfordert ist und sich selbst überschätzt, wegen ihrer Selbstbezogenheit und ihrem Hedonismus sowie dem Rückzug ins private (Netflix-)Idyll . Wie seht ihr das? Sind eure Songs auch ein Appell an die Jugend, den Arsch hochzubekommen?

Den Arsch hochzubekommen, ist generell gut! „Unsere Generation“ stößt uns fast sauer auf, denn in keiner Zeit wie heute wurden mehr Innovationen vorgestellt. Klar, es bleiben viele ganz bequem zuhause, aber das wären die Kinder jeder Generation, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten. Wir wollen eigentlich auf den gesunden Umgang mit der Netflix-Utopie/Dystopie hinweisen.

In „Rainbow“ beschreibt ihr eine Reise zu einem Ort, wo der Rock’n’Roll lebt. Wie sieht dieser Ort aus?

Rock’n’Roll lebt in der Bar an der Ecke. Rock’n’Roll lebt im kleinen Klub, in dem der Betreiber jeden Dienstag eine Band spielen lässt, obwohl er nichts dran verdient. Und Rock’n’Roll lebt in jedem, dem es um die Sache geht und davon haben wir auf Tour viele kennengelernt. Den Ort findest du also überall, du musst nur genau hingucken.

In „Dance with a Stranger“ thematisiert ihr den Umgang mit und die Versuchung der sozialen Medien. Welche Rolle spielen sie für euch und wie geht ihr damit um?

Wir sind selbst Teil dieses riesengroßen internationalen Theaters. Das gehört heutzutage dazu. Bei all der Offenheit und Freude am Informationsaustausch verschließen wir uns doch mehr und mehr dem Fremden. Das finden wir sehr schade und deswegen mussten wir es thematisieren.

In „Fireflies“ setzt ihr euch mit der Vergänglichkeit des Lebens auseinander – warum sind wir alle Glühwürmchen?

Weil wir alle letzten Endes nur für eine verdammt kurze Zeit hier sind. Wir sollten uns überlegen, was uns zum Leuchten bringt, und wo wir das tun sollten, damit das Leuchten Gleichgesinnte anzieht.

Momentan ist es bei deutschen Bands schwer angesagt, deutsch zu singen. Ihr singt weiter englisch. Warum?

Ach, das meiste klingt doch wirklich schon wie Schlager. Wir hatten viele Gespräche mit Leuten, die uns gesagt haben: Singt doch deutsch. Uns geht es um die Musik als solche und zu der, die wir machen, passt die englische Sprache besser. Das mit dem Deutsch sollen andere machen.

The Esprits, 18. Mai, Stadthalle Braunschweig, Aftershowparty mit Supernova Soundsystem, Tickets für 16 Euro (inklusive Verkehrsticket) gibt es bei der Konzertkasse.

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